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Innovation

Innovation ist der Entwicklungsprozess von neuen Verfahren oder neuen Produkten (Güter oder Dienstleistungen), der deren Inhabern erlaubt, eine dominierende Stellung oder einen Wettbewerbsvorteil auf dem Markt zu erlangen (Produktivität, Wettbewerb). Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter, ein Pionier der wissenschaftlichen Forschung über die solchen Prozessen innewohnende Dynamik, begriff die Innovation als zentrales Element des kapitalistischen Systems und zeigte den Zusammenhang zwischen Neuerungen, Markt, Unternehmergeist und Wirtschaftswachstum auf. Der Begriff Innovation unterscheidet sich demzufolge von demjenigen der Erfindung, der eine Entdeckung oder Invention umreisst, ohne bereits auf den Markt Bezug zu nehmen. Erst die Kommerzialisierung bzw. die Kommodifizierung macht die Erfindung zur Innovation. Makroökonomisch betrachtet, spielt die Innovation eine Schlüsselrolle in Bezug auf das Wirtschaftswachstum und ist ebenso wie der Technologietransfer zentral für den technischen Fortschritt und die Modernisierung. Dies gilt insbesondere auch für Länder, die wie die Schweiz über nur wenige Rohstoffe verfügen.

Eine Mitarbeiterin des IBM-Forschungslabors in Rüschlikon im Kanton Zürich arbeitet an einem Rastertunnelmikroskop. Fotografie vom 31. Juli 2008 (KEYSTONE / Alessandro Della Bella, Bild 55075855).
Eine Mitarbeiterin des IBM-Forschungslabors in Rüschlikon im Kanton Zürich arbeitet an einem Rastertunnelmikroskop. Fotografie vom 31. Juli 2008 (KEYSTONE / Alessandro Della Bella, Bild 55075855). […]

Als Akteure beteiligen sich an Innovationen Personen wie Unternehmer, Handwerker, Ingenieure usw. oder Organisationen wie Unternehmen, der Staat oder die Universitäten. Typisch für die meisten industrialisierten Länder ist, dass in der Zwischenkriegszeit das Laboratorium den einzelnen Unternehmer oder Erfinder als wichtigste Kraft im Innovationsprozess ablöste. Die Wirtschaftshistorikerin Béatrice Veyrassat hat für die Uhrenindustrie gezeigt, dass der Anteil der von den Unternehmen angemeldeten Patente gegenüber den von einzelnen Personen eingereichten zu dieser Zeit dominierte: Waren 1890-1897 nur gerade 25% der Anträge von Firmen gestellt worden, so lag dieser Anteil für die Jahre 1934-1939 schon bei 58%. Selbst in wenig konzentrierten Branchen wie der Uhrenindustrie, die nur eine geringe Anzahl an eigentlichen Laboratorien aufwies, ist also eine Internalisierung der Forschungsaufgaben in den Unternehmen während der Zwischenkriegszeit nachweisbar.

Die Beziehungen zwischen den verschieden institutionellen Akteuren, die Innovationsprozesse vorantreiben, und deren jeweiliges Gewicht variieren von Land zu Land. Das Konzept des nationalen Innovationssystems (National Innovation System) wurde von Wirtschaftswissenschaftlern wie Richard Nelson in den 1980er und 1990er Jahren entwickelt, um den Besonderheiten der einzelnen Nationalökonomien mit komparatistischen Methoden auf die Spur zu kommen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, zeichnet sich die Schweiz v.a. durch das grosse Gewicht der Privatwirtschaft aus; 2015 beliefen sich die Ausgaben für Forschung und Entwicklung des Bundesstaats auf 2 Mrd., diejenigen der Hochschulen (Universitäten, Eidgenössischen Technischen Hochschulen, Fachhochschulen) auf 5,9 Mrd. und diejenigen der privaten Unternehmen auf 15,7 Mrd. Franken.

Die privaten Unternehmen

Seit der industriellen Revolution liefen die meisten Innovationsprozesse in den privaten Unternehmen ab. Trotz dieses für das schweizerische Innovationssystem charakteristischen Strukturelements veränderte sich die Forschungs- und Entwicklungstätigkeit um die Wende zum 20. Jahrhundert tiefgreifend. In den für die erste industrielle Revolution typischen Branchen wie der Uhren- und Textilindustrie war diese primär eine individuelle Tätigkeit von Technikern und Mechanikern in den Fabrikwerkstätten gewesen. Diese Weiterentwicklung in kleinen, aber stetigen Schritten zielte auf die kontinuierliche Verbesserung bestehender Produkte und Anlagen ab, wie z.B. der aus Grossbritannien importierten Textilmaschinen. Auch wurden neue Herstellungsverfahren eingeführt, wie z.B. die Produktion vermittels Werkzeugmaschinen bei der Uhren- und der Schuhindustrie, die bis anhin nur wenig mechanisiert worden waren (Mechanisierung). Neben dieser inkrementellen Innovation trugen auch Wissens- und Technologietransfers zur Weiterentwicklung der Produktionsverfahren bei. Die Einführung neuer Technologien oder Verfahren ging in dem im 19. Jahrhundert vorherrschenden Umfeld oft von den Unternehmensgründern selbst aus, die dann in der Nachkriegszeit von der nationalen Erinnerungskultur in Museen wie dem Verkehrshaus in Luzern (1959 eröffnet), dem Musée international d’horlogerie in La Chaux-de-Fonds (1974) oder in Publikationen wie der Reihe Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik (ab 1955) verherrlicht werden sollten.

Die 1886 fertiggestellte und nach dem System Abt gebaute Harzbahn von Blankenburg nach Tanne (Sachsen-Anhalt). Holzstich aus Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 9. Auflage, 1901, Band 9, S. 164 (ETH-Bibliothek Zürich, Rar 6632, e-rara.ch, DOI: 10.3931/e-rara-26751).
Die 1886 fertiggestellte und nach dem System Abt gebaute Harzbahn von Blankenburg nach Tanne (Sachsen-Anhalt). Holzstich aus Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 9. Auflage, 1901, Band 9, S. 164 (ETH-Bibliothek Zürich, Rar 6632, e-rara.ch, DOI: 10.3931/e-rara-26751). […]
Zahnstangen mit zwei bzw. drei Lamellen des Systems Abt, Längs- und Querschnitt. Holzstich aus Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 9. Auflage, 1901, Band 9, S. 163 (ETH-Bibliothek Zürich, Rar 6632, e-rara.ch, DOI: 10.3931/e-rara-26751).
Zahnstangen mit zwei bzw. drei Lamellen des Systems Abt, Längs- und Querschnitt. Holzstich aus Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, 9. Auflage, 1901, Band 9, S. 163 (ETH-Bibliothek Zürich, Rar 6632, e-rara.ch, DOI: 10.3931/e-rara-26751). […]

Dank der Innovationen der Textil- und Uhrenindustrie etablierten sich diese Branchen in einem hart umkämpften, von englischen Unternehmen dominierten Marktumfeld als Wettbewerber. Die seit den Anfängen der Industrialisierung gegebene Notwendigkeit, konkurrenzfähige Exportgüter für den Weltmarkt herzustellen, zwang die Schweizer Unternehmer ausserdem zu anderen Innovationsformen, die sich nicht auf technologische Eigenschaften der Produkte, sondern auf deren Vermarktung bezogen. Das akkumulierte Wissen über die unterschiedlich strukturierten Absatzmärkte überall in der Welt erlaubte namentlich den Händlern und Herstellern von Baumwollstoffen und Uhren, ihre Produkte auf die vielfältigen und sich wandelnden Nachfragekonstellationen spezifischer Märkte zu zuschneiden. Die Textilkaufleute Edward Anton Keller und Wilhelm Heinrich Diethelm setzten z.B. Ende des 19. Jahrhunderts im Fernen Osten erfolgreich eigens für die dortigen Märkte designte Stoffe ab, und der Uhrenfabrikant Georges-Frédéric Roskopf bot ab 1867 eine mechanisch vereinfachte, billige und primär für Arbeiter hergestellte Uhr an.

In einer zweiten Phase kam um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das Laboratorium als neue Organisationsform für Aufgaben aus dem Bereich Forschung und Entwicklung bzw. Innovation in den Unternehmen auf und setzte sich nach und nach durch. Solche Laboratorien tauchten gegen Ende des 19. Jahrhunderts in amerikanischen und deutschen Grossunternehmen auf, insbesondere in Sparten, die der zweiten industriellen Revolution zugerechnet werden, wie der chemischen Industrie, der Elektroindustrie (Elektrifizierung) und der Automobilindustrie (AutomobilMotorisierung). Für diese Laboratorien wurden Ingenieure mit Diplomen von den Universitäten und den technischen (Hoch-)Schulen angestellt, die Aufgaben im Bereich der angewandten Forschung wahrnahmen. Die Resultate solcher Anstrengungen erschöpften sich nicht in der hergebrachten inkrementellen Innovation, sondern überstiegen diese mit vielen grundlegenden Innovationen bei weitem, und zwar sowohl in Bezug auf neue Produkte wie auch auf neue Technologien.

Die ersten schweizerischen Unternehmen, die über Laboratorien verfügten, gehörten zur Chemie-, Elektrotechnik- und Maschinenindustrie. Ciba und Roche führten Ende des 19. Jahrhunderts solche Forschungseinrichtungen ein, Sandoz am Anfang des 20. Jahrhunderts und Geigy während der 1930er Jahre. An diesen Beispielen aus der früh internationalisierten chemischen Industrie wird ausserdem deutlich, dass die Aufgaben der Forschung und Entwicklung bzw. der Innovation sehr bald in transnationale Strukturen eingebettet wurden. In der Zwischenkriegszeit investierten Basler Chemieunternehmen in Produktions- und Forschungseinrichtungen der Vereinigten Staaten. Ciba kaufte die amerikanische Firma Aniline Dyes and Chemicals, Inc.  (später umbenannt in Ciba Company, Inc.), die ein grosses Forschungszentrum besass. 1929 nahm Roche Forschungstätigkeiten in New York auf, um Vitamin- und Hormonpräparate zu entwickeln.

Die Internationalisierung der Innovation basierte auch auf der Präsenz multinationaler ausländischer Firmen in der Schweiz. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts trifft das besonders für Siemens (Siemens-Albis) zu. Das deutsche Unternehmen nahm die Produktion in der Schweiz Anfang der 1920er Jahre auf. Die schweizerische Niederlassung war vor dem Zweiten Weltkrieg eine der wenigen Auslandsvertretungen dieses Unternehmens, die über eine eigene Patentabteilung für den Schutz der auf Schweizer Boden realisierten Innovationen verfügte.

Nach 1945 behaupteten die chemische und die elektrotechnische Industrie ihre Führungsrolle im Innovationssystem, obwohl nun Unternehmen aller Branchen Laboratorien eröffneten und ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen transnational organisierten. Seit Anfang der 1990er Jahre ist für beide Branchen charakteristisch, dass die im Ausland getätigten Ausgaben für Forschung und Entwicklung diejenigen in der Schweiz übersteigen. Die Globalisierung der Forschung und der Innovationsprozesse in diesen Branchen ist allerdings keine schweizerische Besonderheit. Wegen ihres grossen Gewichts in der schweizerischen Volkswirtschaft sind diese beiden Branchen jedoch die wichtigsten Träger der Innovation.  2015 waren die pharmazeutische Chemie mit einem Anteil von 39,4% an den privatwirtschaftlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die Informations- und Kommunikationstechnologien, als Zweigbranche der Elektrotechnik, mit einem Anteil von 10,9% und die Maschinenindustrie mit einem Anteil von 10,1% die Sparten mit den grössten Investitionsvolumen. Ausserdem zeigen statistische Angaben für dieses Jahr auf, dass v.a. grosse und mittelgrosse Unternehmen in Innovationen investierten; der Anteil der Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern an den gesamten privatwirtschaftlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung betrug mehr als 86%.

Trotzdem konnten auch die traditionellen Wirtschaftszweige und die kleinen Unternehmen Fragen der Forschung und Entwicklung bzw. der Innovation im Verlauf des 20. Jahrhunderts nicht völlig ausser Acht lassen. Sie hielten aber – im Unterschied zu den oben angeführten Branchen – tendenziell an den klassischen, auf den Leistungen von einzelnen Personen beruhenden Formen der Innovation fest und bauten keine eigentlichen Forschungs- und Entwicklungszentren auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg lenkten kleine und mittlere Betriebe der Uhren- und Werkzeugmaschinenindustrie ihr Augenmerk vermehrt auf innovative Herstellungsverfahren. Angeregt durch tayloristische und fordistische Konzepte richteten sie spezielle Abteilungen für die Verfahrensentwicklung ein und beauftragten diese mit der Rationalisierung der Produktion und der Senkung der Herstellungskosten (Arbeitsteilung).

Der vom Neuenburger Centre électronique horloger (CEH) entwickelte Prototyp "Beta 1" aus dem Jahr 1967, die erste Quarz-Armbanduhr der Welt. Fotografie aus dem Archiv des Centre (Musée international de l’horlogerie, La Chaux-de-Fonds).
Der vom Neuenburger Centre électronique horloger (CEH) entwickelte Prototyp "Beta 1" aus dem Jahr 1967, die erste Quarz-Armbanduhr der Welt. Fotografie aus dem Archiv des Centre (Musée international de l’horlogerie, La Chaux-de-Fonds). […]

Im Hinblick auf die Produktinnovation erwies sich die Gründung von eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen für viele kleine Unternehmen der traditionellen Industriesparten als zu kostspielig. Diese Schwierigkeiten wurden überwunden, indem mehrere Unternehmen gemeinsam solche Forschungszentren betrieben, wie z.B. in der Uhrenbranche oder in der Kabel- und Drahtindustrie. Das Laboratoire suisse de recherches horlogères, dessen Ursprünge bis 1921 zurückreichen, und das Centre électronique horloger SA, das die Firma Ebauches 1962 ebenfalls in Neuenburg eröffnete, wurden von zahlreichen Unternehmungen getragen. Das Centre électronique horloger SA entwickelte 1967 einen Prototyp der weltweit ersten Quarz-Armbanduhr. 1984 fusionierten das Laboratoire suisse de recherches horlogères und das Centre électronique horloger SA zum Centre suisse d'électronique et de microtechnique. Dieses nahm Forschungs- und Entwicklungsaufgaben im Bereich der Elektronik, der Kommunikationstechnologien und der Mikrotechnik in Zusammenarbeit mit Universitäten und privaten Unternehmungen wahr. Der 1953 eröffnete Genfer Ableger der amerikanischen Stiftung Batelle Memorial Institute realisierte in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts für zahlreiche Schweizer Firmen Forschungsprojekte im Auftragsverhältnis.

Der Staat

Der Bundesstaat beeinflusste das schweizerische Innovationssystem auf unterschiedliche Weise. Erstens schuf er einen institutionellen Rahmen, der darauf abzielte, innovative Prozesse in den Unternehmen anzuregen. Er tat dies in erster Linie vermittels seiner Patentpolitik. Die Einführung eines Verfassungsartikels zum Schutz der Innovationen 1887 und die Einrichtung des Eidgenössischen Amts für Geistiges Eigentum 1888 bildeten die Grundlage für den Aufbau einer Patentgesetzgebung. Bis 1907 blieben chemische Verfahren von Letzterer unberührt. Basler Chemieunternehmen konnten weiterhin deutsches Know-how kopieren und sich auf der Basis von Technologietransfers weiterentwickeln, bevor auch sie sich am Anfang des 20. Jahrhunderts einer Wachstumsstrategie zuwandten, die auf der eigenen systematischen Organisation der Innovationsprozesse beruhte. 

Patente 1891-2017 – Quellen: Historische Statistik der Schweiz HSSO, 2012, Tab. W.18a und W.19; Eidgenössisches Institut für Geistiges Eigentum, Patentstatistik.
Patente 1891-2017 – Quellen: Historische Statistik der Schweiz HSSO, 2012, Tab. W.18a und W.19; Eidgenössisches Institut für Geistiges Eigentum, Patentstatistik. […]

Zweitens unterstützte der Staat die Forschungen und Innovationen an den beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen, den Universitäten und anderen spezialisierten Hochschulen finanziell (Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz, Forschung). Diese Finanzierung erfolgte indirekt und grösstenteils via den Schweizerischen Nationalfonds, eine privatrechtlich organisierte, aber vom Bund getragene Stiftung, die 1952 ins Leben gerufen wurde. Der Nationalfonds förderte v.a. die Grundlagenforschung an den Universitäten und den (Fach)Hochschulen mit dem Ziel, den Forschungsplatz Schweiz möglichst wettbewerbsfähig zu machen. Ausserdem evaluierte die 1944 eingesetzte Kommission zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (ab 1996 Kommission für Technologie und Innovation, ab 2018 Innosuisse), die sich aus Vertretern der Wissenschaft, der Privatwirtschaft und der Bundesverwaltung zusammensetzte, vorgelegte Forschungsprojekte. Sie überprüfte dabei, ob diese geeignet seien, mittel- oder unmittelbar Arbeitsplätze zu schaffen, und deshalb vom Bund subventioniert werden sollten. Ab den 1980er Jahren näherte sich der Bund schliesslich der europäischen Wissenschaftspolitik an, welche die angewandte Forschung stark favorisierte. Die Bundesverwaltung – ein Beispiel hierfür ist das Bundesamt für Energie – gab nun selbst Forschungs- und Entwicklungsprojekte in Auftrag. So partizipierte auch sie an der Globalisierung von Forschungs- und Innovationsprozessen.

Drittens engagierte sich der Bund direkt in grossen Projekten der industriellen Forschung. Die Schweiz unterscheidet sich dabei von den meisten wichtigen Ländern durch das weitgehende Desinteresse der Armee für technologische Fragen, abgesehen von wenigen Ausnahmen wie z.B. für Kampfgas oder für die Atombombe. Bezeichnenderweise griff die Armee für die militärische Nutzung dieser beiden bestehenden Technologien auf das Know-how von privaten Unternehmen zurück. Die Armee ist also kein Faktor für die Innovation in der Schweiz.

Der Bund setzte in seinen Bemühungen um Innovation vielmehr auf die Entwicklung der zivilen Technologien, wobei er seine Aufmerksamkeit v.a. auf zwei Grossprojekte richtete, die Atomenergie und die Digitalisierung der Telekommunikation (Informatisierung, Digitale Gesellschaft). Im Bereich der nuklearen Energie beteiligte sich der Staat 1955 neben rund 100 Unternehmen, angeführt von Brown, Boveri & Cie. sowie Sulzer, an der Schaffung einer privaten Forschungseinrichtung, der Reaktor AG. Ausserdem übernahm der Bund das 1960 gegründete Institut für Reaktorforschung (seit 1988 Paul-Scherrer-Institut), das auch zahlreiche private Unternehmen mittrugen. Im folgenden Jahr wurde v.a. mit Bundesgeldern und mit Kapital von Sulzer die Nationale Gesellschaft zur Förderung der industriellen Atomtechnik ins Leben gerufen. Diese nahm 1968 den Schwerwasser-Versuchsreaktor in Lucens in Betrieb, der allerdings schon ein Jahr später nach einem technischen Unfall wieder aufgegeben wurde. In der Zwischenzeit hatten sich die grossen schweizerischen Stromproduzenten an amerikanische Unternehmen gewandt, um das für den Bau und den Betrieb von ersten Atomkraftwerken notwendige Know-how zu erwerben. Die interventionistischen Massnahmen des Bundes im Bereich der Nuklearenergie mündeten also in einen Misserfolg; die Einführung der Atomenergie für die industrielle Stromproduktion in der Schweiz basierten nicht auf einer hierzulande erbrachten innovativen Leistung, sondern vielmehr auf Technologietransfers aus dem Ausland.

Ähnlich verhält es sich im Bereich der Kommunikation. Der Regiebetrieb PTT stürzte sich, unterstützt von den Unternehmen Hasler Holding AG (seit 1987 Ascom), Siemens-Albis und Standard Telephone & Radio AG (später Alcatel STR AG), von denen die beiden Letzteren ausländisches Kapital in der Schweiz anlegten, Ende der 1960er Jahre in grosse Digitalisierungsvorhaben (z.B. das Projekt «Integriertes Fernmeldesystem»). Dieses Projekt scheiterte ebenfalls, so dass die PTT 1983 beschlossen, ausländische Technologien einzukaufen.

Die zwei Beispiele decken die Grenzen des Bundes als eigenständiger Akteur im Bereich der Forschung bzw. der Innovation auf. Ab den 1980er Jahren gab er seine diesbezüglichen Ambitionen auf, was ein Blick auf die Bundesausgaben für Forschung und Entwicklung unterstreicht: Diese stiegen 2015 auf ca. 2 Mrd. Franken an, wobei die Hälfte dem Nationalfonds und ca. 700 Mio. Franken den Hochschulen vorbehalten waren. Direkte Forschungsinvestitionen tätigte der Bund dagegen v.a. im Bereich der Agrarwissenschaften (Agroscope).

Die Hochschulen

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts leisteten die Hochschulen ihren Beitrag zur Innovation v.a. durch die Ausbildung von Ingenieuren und Wissenschaftlern. Sie lieferten der Industrie das benötigte qualifizierte Personal, erbrachten aber noch keine Forschungsleistungen zugunsten privater Unternehmen. Die 1855 eröffnete Eidgenössische Polytechnische Schule Zürich stellte diesbezüglich eine Ausnahme dar. Sie erwies sich seit ihren Anfängen als Stätte der Innovation von europäischer Geltung, v.a. in den Bereichen der Elektrotechnik und der Chemie. In der Zwischenkriegszeit intensivierte sie ihre Beziehungen zu den privaten Unternehmen, wobei das von Paul Scherrer ab 1927 geleitete physikalische Institut und die 1937 neu eröffnete Abteilung für industrielle Forschung eine wichtige Rolle spielten. Die Technika – deren Erstes 1874 in Winterthur gegründet worden war – führten im 20. Jahrhundert ebenfalls Forschungsvorhaben für private Unternehmungen durch; ihre Hauptaufgabe blieb aber die Technikerausbildung.

Luftaufnahme der Technopark-Baustelle im Zürcher Kreis 5, Februar 1990 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Bestand Comet Photo AG, Com_FC24-8005-0074).
Luftaufnahme der Technopark-Baustelle im Zürcher Kreis 5, Februar 1990 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Bestand Comet Photo AG, Com_FC24-8005-0074). […]

Im Wesentlichen wurden die Schweizer Hochschulen erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Hauptakteuren der Innovation; Forschungsprojekte, die sie zusammen mit privaten Unternehmen durchführten, wurden jetzt üblich. Das Pharma-Unternehmen Roche finanzierte z.B. seit den 1950er Jahren Forschungsprojekte an den Universitäten. Die polytechnische Schule der Universität Lausanne wurde 1969 in den Rang einer Eidgenössischen Technischen Hochschule erhoben. Sie wurde zur Hochburg der angewandten Forschung in der französischen Schweiz, v.a. auch dank ihres mikroelektronischen Instituts. In den frühen 1990er Jahren engagierten sich die beiden Eidgenössischen Technischen Hochschulen in der Gründung von Start-up-Unternehmen und beteiligten sich an der Organisation von sogenannten Wissenschafts- oder Technologieparks, in denen sich Jungunternehmen ansiedeln können. Der Science Park in Lausanne (heute Innovation Park) wurde 1991, der Technopark in Zürich 1993 eröffnet. Mehrere Hundert Spin-off-Unternehmen entstanden auf diese Weise.

Vier Gebäude des Innovationsparks EPFL in Écublens. Fotografie, Sommer 2011 (EPFL Innovation Park).
Vier Gebäude des Innovationsparks EPFL in Écublens. Fotografie, Sommer 2011 (EPFL Innovation Park). […]

Die Schweiz Anfang des 21. Jahrhunderts im internationalen Vergleich

Die Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung dokumentieren, dass die Schweiz 2010 zu den Industrieländern gehörte, welche die höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung tätigten. Sie betrugen damals 3% vom Bruttosozialprodukt; damit lag die Schweiz zwar hinter Israel mit 4,4%, Finnland mit 3,9%, Südkorea mit 3,9%, Schweden mit 3,4%, Japan mit 3,3% und Dänemark mit 3,1%, aber vor den USA mit 2,9% und der Europäischen Union mit 1,9%. Überdies zählte die Schweiz mit Japan zu den Ländern, in denen die Forschungsausgaben der öffentlichen Hand mit 0,8% des Bruttosozialprodukts besonders gering ausfielen. Unter den Ländern, in denen die Industrie via Stipendien, Stiftungen oder spezieller Verträge Forschungsvorhaben an den Bildungseinrichtungen unterstützt, rangiert die Schweiz an sechster Stelle.

Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in ausgewählten Ländern 1981-2016 - Quelle: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Aufwendungen für Forschung und Entwicklung in ausgewählten Ländern 1981-2016 - Quelle: Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). […]

Unter den Mitgliedern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung fällt die Schweiz zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch dadurch auf, dass sich ihre Forschung durch eine starke internationale Ausrichtung auszeichnet. In der Statistik von 2010, welche gemeinsame wissenschaftliche Publikationen von Autoren aus verschiedenen Ländern erfasst, figuriert sie an dritter Stelle, in einer anderen, welche die beantragten Patente von aus verschiedenen Ländern stammenden Partnern zusammenstellt, liegt sie an vierter Position.

Screenshot der interaktiven Übersichtskarte zum Netzwerk der unter dem Dach von Switzerland Innovation vereinten Standorte. Englische Version von switzerland-innovation.com, konsultiert am 25. Oktober 2018 (Stiftung Swiss Innovation Park).
Screenshot der interaktiven Übersichtskarte zum Netzwerk der unter dem Dach von Switzerland Innovation vereinten Standorte. Englische Version von switzerland-innovation.com, konsultiert am 25. Oktober 2018 (Stiftung Swiss Innovation Park). […]

Quellen und Literatur

  • Schumpeter, Joseph Alois: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie,  1946 (englisch 1942).
  • Nelson, Richard R. (Hg.): National innovation systems. A comparative analysis, 1993.
  • Straumann, Tobias: Die Schöpfung im Reagenzglas. Eine Geschichte der Basler Chemie (1850-1920), 1995.
  • Gilomen, Hans-Jörg (Hg.): Innovationen. Voraussetzungen und Folgen - Antriebskräfte und Widerstände = Innovations. Incitations et résistances - des sources de l'innovation à ses effets, 2001.
  • Leimgruber, Matthieu: Taylorisme et management en Suisse romande (1917-1950), 2001.
  • Marti, Laurence: "Un exemple de rationalisation dans une PME. Les usines Joseph Pétermann SA, Moutier (1940-1960)", in: Revue suisse d’histoire, 51, 2001, S. 59-96. Online: konsultiert am 17.10.2018.
  • Veyrassat, Béatrice: "De la protection de l'inventeur à l'industrialisation de l'invention. Le cas de l'horlogerie suisse, de la fin du 19e siècle à la Seconde Guerre mondiale", in: Gilomen, Hans-Jörg (Hg.): Innovationen. Voraussetzungen und Folgen - Antriebskräfte und Widerstände = Innovations. Incitations et résistances - des sources de l'innovation à ses effets, 2001, S. 367-384.
  • Wildi, Tobias: Der Traum vom eigenen Reaktor. Die schweizerische Atomtechnologieentwicklung 1945-1969, 2003.
  • Gugerli, David; Kupper, Patrick; Speich, Daniel: Die Zukunftsmaschine. Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005, 2005.
  • Pasquier, Hélène: La "recherche et développement" en horlogerie. Acteurs, stratégies et choix technologiques dans l'Arc jurassien suisse (1900-1970), 2008.
  • Cortat, Alain: Un cartel parfait. Réseaux, R&D et profits dans l'industrie suisse des câbles, 2009.
  • Joye-Cagnard, Frédéric: La construction de la politique de la science en Suisse. Enjeux scientifiques, stratégiques et politiques (1944-1974), 2010.
  • Gugerli, David; Tanner, Jakob: "Wissen und Technologie", in: Halbeisen, Patrick; Müller, Margrit; Veyrassat, Béatrice (Hg.): Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, 2012, S. 265-316.
  • Bundesamt für Statistik (BFS): Forschung und Entwicklung: Aufwendungen und Personal der schweizerischen Privatunternehmen 2015, 2016. Online: konsultiert am 17.10.2018.
  • Donzé, Pierre-Yves; Vardi, Ilan; Henein, Simon: "La R&D commune entreprises-université dans l’industrie horlogère de 1900 à nos jours", in: Bulletin de la Société suisse de chronométrie, 83, 2017, S. 21-28. Online: konsultiert am 17.10.2018.
  • Chachereau, Nicolas: Introduire des brevets pour qui? Seconde révolution industrielle en Suisse et mondialisation de la propriété intellectuelle (1873-1914), Dissertation, Universität Lausanne 2018.