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Technologie- und Wissenstransfer

Wissens- und Technologietransfers, d.h. die Einführung und die Verbreitung von technischem Wissen, das aus anderen Ländern stammt, tragen wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Wirtschaftswachstum im Zielland bei. Solche Transferprozesse vollziehen sich in unterschiedlichen Formen, die ihrerseits durch die internationale Dynamik der industriellen Entwicklung, den technologischen Wandel und die institutionellen Voraussetzungen bedingt sind. Die Verbreitung von Wissen und Kenntnissen durch Technologietransfers stellt überdies einen zentralen Faktor beim Entstehen der «globalen Wirtschaft» dar (Globalisierung).

Vom Zentrum zur Peripherie: Das unidirektionale Modell

Zwischen der Mitte des 18. und derjenigen des 19. Jahrhunderts prägte ein vertikales Modell die Transferbeziehungen: Die meisten Technologien und Techniken stammten aus Grossbritannien und verbreiteten sich von dort aus über die ganze Welt, wobei die wichtigsten Neuerungen die Textilmaschinen (Textilindustrie), v.a. für die Spinnerei, und die Dampfmaschinen darstellten. Dabei handelte es sich um mechanisches Know-how, das vermittels Reverse Engineering leicht zu kopieren bzw. auf ähnliche Anwendungsbereiche zu übertragen war. Solches Know-how wurde von Handwerkern, Ingenieuren und Handelsherren von Reisen mitgebracht. Die zentrale Bedeutung von Reisen und Wanderungsbewegungen hat Jean-François Bergier unterstrichen, indem er die sozusagen nomadische Lebensweise vieler erfolgreicher Unternehmer herausstrich (Einwanderung, Auswanderung).

Auszug aus dem Zürcher "Fabric-Mandat" von 1727, wie es im zweiten Band der Sammlung der bürgerlichen und Policey-Geseze und Ordnungen, Lobl. Stadt und Landschaft Zürich bei Orell & Comp. 1757 gedruckt wurde (ETH-Bibliothek Zürich, Rar 7126, e-rara.ch: DOI 10.3931/e-rara-29366).
Auszug aus dem Zürcher "Fabric-Mandat" von 1727, wie es im zweiten Band der Sammlung der bürgerlichen und Policey-Geseze und Ordnungen, Lobl. Stadt und Landschaft Zürich bei Orell & Comp. 1757 gedruckt wurde (ETH-Bibliothek Zürich, Rar 7126, e-rara.ch: DOI 10.3931/e-rara-29366). […]

Das war schon im 16. Jahrhundert so, als Protestantische Glaubensflüchtlinge Kenntnisse bezüglich der Textilverarbeitung (Baumwolle, Zeugdruck, Seide) und der Uhrmacherei (Uhrenindustrie) mitbrachten. Im Zuge der industriellen Revolution profitierten Schweizer Unternehmer von ausländischem Know-how, in erster Linie durch die aus England eingeführten Textilmaschinen (Industrialisierung). Die ersten Exemplare der Spinnmaschine Jenny wurden 1801 von zwei englischen Mechanikern in einer St. Galler Spinnerei installiert. In den 1800er Jahren unternahm Hans Caspar Escher Reisen nach Sachsen, Frankreich und Grossbritannien, auf denen er Textilfabriken besuchte und Spinnmaschinen inspizierte. Diese durch Beobachtung – oder besser: Industriespionage – erworbene Kenntnisse trugen wesentlich zum Erfolg der 1805 in Zürich gegründeten Escher, Wyss & Cie. bei.

Die Multipolarisierung der Transferprozesse

Die ökonomische Entwicklung Westeuropas und der USA beraubte Grossbritannien seiner Vormachtstellung als Lieferant von technischem und technologischem Wissen in die ganze Welt. Die Vervielfachung der Wissens- und Innovationszentren liess komplexe Netze des Wissensaustauschs entstehen. Die Wirtschaft der Schweiz zog in vielerlei Hinsicht Nutzen aus technischen Erfahrungen und technischen Kenntnissen, die aus anderen Ländern stammten. Dabei spielte bis in die Zwischenkriegszeit die Migration weiterhin die Hauptrolle beim Wissenstransfer. So gründete z.B. der Amerikaner Charles Page mit einigen Partnern die Anglo Swiss Condensed Milk Co. und der Brite Charles Brown die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur. Reisen ins Ausland blieben wichtig für den Erwerb von neuen Kenntnissen. Jacques David, Ingenieur und Direktor des Uhrenherstellers Longines in Saint-Imier, und Théodore Gribi von der Neuenburger Firma Borel & Courvoisier besichtigten anlässlich ihres Besuchs der Weltausstellung in Philadelphia 1876 mehrere grosse amerikanische Uhrenfabriken. Nach ihrer Rückkehr warben sie in ihrer Branche für die Einführung der Serienproduktion.

Etwa zur gleichen Zeit entwickelte sich die Schweiz, deren Handels- und Produktionsfirmen sich vermehrt international ausrichteten, selbst zu einem Zentrum, von dem zahlreiche Transferprozesse ausgingen. Die Textilkaufleute Siber Hegner & Co. (2002 mit Diethelm Keller zur DKSH fusioniert) installierten z.B. Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrer japanischen Filiale in Yokohama Seidenspinnmaschinen, um die Qualität der lokalen Produktion zu steigern und deren Kosten zu senken. Schweizer Ingenieure erwarben sich auch weltweit als Erbauer von Eisenbahnen in Berggebieten einen guten Ruf, wobei sie ihre beim Alpenbahnbau gewonnenen Kenntnisse einsetzen konnten. Die 1871 gegründete Internationale Gesellschaft für Bergbahnen erstellte Zahnradbahnen in Österreich-Ungarn; Carl Roman Abt leitete zwischen 1880 und 1900 den Bau von über 70 Bergbahnen auf allen Kontinenten.

Die Institutionalisierung der Transferbeziehungen

Die Formen und die Erfolge von Technologietransfers hingen vom institutionellen Rahmen ab, in dem sie eingebettet waren. Als besonders wichtig diesbezüglich erwies sich unbestrittenermassen die Gesetzgebung zum Schutz von Patenten, welche die Bedingungen für den Import von ausländischer Technologie regelte (Erfindungen, Maschinenindustrie). Die Internationale Konvention zum Schutz des geistigen Eigentums (Pariser Konvention), die 1883 11 Staaten vereinbarten, harmonisierte den Schutz des Geistigen Eigentums auf internationaler Ebene und erleichterte auch den Technologietransfer. Die Schweiz, die zu den Signatarstaaten zählte, erliess 1888 ein erstes Patentgesetz, das aber Innovationen aus der Textilindustrie und der Chemischen Industrie nicht einbezog, weil Schweizer Unternehmen dieser Branchen das Abkupfern von ausländischen Verfahren und technischen Errungenschaften, vor allem solchen aus Deutschland, weiterhin ermöglicht werden sollte.  Erst das revidierte Gesetz von 1907 setzte diesen Praktiken ein Ende. Die Statistik der in der Schweiz ausgestellten Patente weist bis zum Zweiten Weltkrieg einen hohen Anteil an nicht im Land niedergelassenen Antragstellern auf (z.B. 58% im Jahr 1910 und 50% im Jahr 1920); diese kamen v.a. aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Grossbritannien und den USA. In gewissen Branchen wie z.B. der Elektrotechnik oder der Telekommunikation dominierten ausländische Anmelder deutlich. Allerdings nutzten selbstverständlich auch grosse Schweizer Unternehmen das internationale Patentwesen, um in ausländische Märkte vorzudringen, wie z.B. die Basler Chemie- oder die Zürcher Maschinenbau-Firmen in den USA.

Eine wichtige Rolle spielten überdies die Universitäten und Technika, weil sie wesentlich dazu beitrugen, das für Technikanwendungen in den Unternehmungen notwendige Humankapital auszubilden. Ausserdem stellten sie infolge der Berufung von ausländischen Professoren selbst einen Ort des Wissensumschlags dar (Forschung). Das 1855 eröffnete Eidgenössische Polytechnikum (ab 1911 Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) stellte z.B. wegen deren Expertenwissen gezielt deutsche Professoren für die Fachbereiche Chemie und Elektrotechnik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an. Ein Beispiel für diese Form des Technologietransfers ist der aus der Gegend von Weimar stammende Physiker Heinrich Friedrich Weber, der 1875 an das Polytechnikum berufen wurde und dort ab 1881 am Aufbau der Elektrizitätslehre beteiligt war. Aus dem von ihm in den 1890er Jahren mitgegründeten Kolleg für Elektrotechnik gingen zahlreiche schweizerische und ausländische Ingenieure hervor.

Bei der Verbreitung technischer Kenntnisse standen auch die Berufsverbände an vorderster Front, wie z.B. die Société des Arts de Genève (1776 gegründet) oder der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (1883 hervorgegangen aus der 1837 gegründeten Gesellschaft Schweizerischer Architekten und Ingenieure). Durch die Organisation von Ausstellungen und Tagungen und die Herausgabe von Zeitschriften waren sie massgeblich an der Verbreitung von importiertem Technik-Know-how beteiligt.

Das importierte Wissen betraf nicht nur die Produktherstellung, sondern auch die Unternehmungsführung (Management). In der Zwischenkriegszeit machten Ingenieure, Ökonomen und Universitätsgelehrte, welche an internationalen Kongressen über die wissenschaftliche Organisation der Arbeit teilgenommen hatten, tayloristisches und fordistisches Gedankengut in der Schweiz bekannt (Taylorismus); verschiedene Organisationen wie die Schweizerische Vereinigung für rationelles Wirtschaften in Zürich (1926 gegründet), das Institut  international  d’organisation scientifique du travail (International Management Institute) in Genf (1927) oder die Commission romande de rationalisation (1928) verbreiteten die amerikanischen Managementkonzepte weiter. Deren Rezeption erfolgte dann nach dem Zweiten Weltkrieg v.a. über Consulting-Agenturen wie McKinsey & Company, die 1961 eine zweite europäische Geschäftsstelle in Genf eröffnete und Unternehmen wie Nestlé, Sandoz und die  Schweizerische Bankgesellschaft beriet.

Bundesrat Johann Schneider-Ammann spricht am 28. Oktober 2017 zum Thema "Brücken bauen: Innovation in Palästina und der Schweiz" vor geladenen Gästen im Grand Park Hotel von Ramallah © KEYSTONE / Anthony Anex, Bild 323152385.
Bundesrat Johann Schneider-Ammann spricht am 28. Oktober 2017 zum Thema "Brücken bauen: Innovation in Palästina und der Schweiz" vor geladenen Gästen im Grand Park Hotel von Ramallah © KEYSTONE / Anthony Anex, Bild 323152385. […]

Allerdings bestanden in der Schweiz auch Institutionen, deren Handeln auf die Begrenzung von Wissenschafts- und Technologietransfers abzielte, um der Schweizer Industrie Wettbewerbsvorteile zu sichern, wie z.B. für die Uhrenindustrie. Die Möglichkeit, Uhrenbestandteile, Rohwerke und Schablonen zu exportieren und diese ausserhalb der Schweiz zusammenzubauen, hatte zum Aufkommen von Konkurrenten v.a. in den Vereinigten Staaten, Japan und Deutschland geführt. Um diesen Praktiken einen Riegel zu schieben, gründeten die Uhrenfabrikanten ein Kartell, das der Bund von 1934 bis 1965 mittrug. Dieses Uhrenstatut regulierte die Ausfuhr der Bestandteile von Uhren und Werkzeugmaschinen.

Der Einfluss der multinationalen Unternehmungen

Mit der zweiten industriellen Revolution verloren die Technologietransfers markant an Dynamik. Die neu entwickelten Technologien der Elektro-, Chemie- und Autoindustrie waren zu komplex, um sie via Reverse-Engineering zu kopieren (Technischer Fortschritt). Sie waren ausserdem durch Patente geschützt und von Multinationalen Unternehmungen kontrolliert, welche die Bedingungen für den Technologieaustausch zunehmend bestimmten. Ab ca. 1900 kamen den Direktinvestitionen und den ausländischen Filialen der grossen Unternehmungen entscheidende Bedeutung beim Technologietransfer zu (Kapitalverkehr).

In der Schweiz richteten einige ausländische Multis wie der amerikanische Autoproduzent General Motors oder die tschechische Gruppe Bata, die Schuhe herstellte (Schuhindustrie), Anfang der 1930er Jahre Fabriken ein, in denen sie neue Formen der Betriebsführung und der Steuerung der Massenproduktion einführten. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Filialen von ausländischen Unternehmen in der Schweiz stark zu, wobei viele dieser Firmen auch neue Technologien mitbrachten. 1956 eröffnete IBM in Adliswil sein erstes Forschungslaboratorium ausserhalb der USA, das 1962 nach Rüschlikon umzog. Für dieses Forschungszentrum warb IBM mehrere Wissenschaftler von der ETH Zürich ab, darunter auch Ambros Speiser.

Die ersten Gebäude des IBM-Forschungszentrums in Rüschlikon. Fotografie von Werner Friedli, 12. Mai 1964 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Archiv Luftbild Schweiz, LBS_H1-024140).
Die ersten Gebäude des IBM-Forschungszentrums in Rüschlikon. Fotografie von Werner Friedli, 12. Mai 1964 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Archiv Luftbild Schweiz, LBS_H1-024140). […]

Umgekehrt vervielfachten sich auch die Direktinvestitionen der Schweizer Multis im Ausland, wo sie sowohl Forschungszentren wie auch Produktionseinheiten betrieben. Nestlé besass 1938 beispielsweise 105 Produktionseinheiten ausserhalb der Schweiz. Firmen der Maschinenindustrie wie Brown, Boveri & Cie. und Sulzer organisierten sich ebenfalls als weltweit tätige Unternehmen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Schweizer Firmen in ihren Expansionsstrategien auch vermehrt auf den Abschluss von Lizenzverträgen mit Firmen aus Zielländern, die wie z.B. Japan die Tätigkeiten von ausländischen Firmen einschränkten. Die Uhrenindustrie lagerte in den 1960er Jahren einen Teil ihrer Produktion nach Asien aus und trug damit zum Aufstieg einer Konkurrenzindustrie in Hongkong bei.

Der Transfer von Schweizer Know-how in andere Länder erfolgte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch durch Industriespionage. Ein Beispiel für diese Form des Austausches liefert wiederum die Uhrenindustrie in den 1960er Jahren, als die japanische Firma Seiko einem Schweizer Ingenieur Pläne für die Herstellung von Maschinen abkaufte. Da solche Transferprozesse naturgemäss heimlich erfolgen, ist ihr Ausmass nicht abzuschätzen.

In den 1980er Jahren, in denen die Firmenakquisitionen im Ausland einen Höhenpunkt erreichten, bildete sich eine neue Form der transnationalen Unternehmensorganisation heraus. Unternehmen strukturierten sich nicht mehr nur gemäss dem Zentrum-Peripherie- bzw. Hauptsitz-Filiale-Modell, sondern vermehrt auch als Netzwerke mit freiem Informationsfluss, wie z.B. Logitech. Der Anteil an den von Schweizer Multis eingereichten Patenten für Innovationen, die in ausländischen Tochterunternehmen realisiert worden waren, stieg von 30% im Jahr 1980 bis auf 60% im Jahr 2006. Diese Entwicklung lässt sich am Beispiel der Pharmaindustrie aufzeigen: Ende der 1960er Jahre unterhielt Ciba in vier Ländern Filialen und gab knapp die Hälfte seiner Forschungsinvestitionen im Ausland aus (im Jahr 1930 waren es noch weniger als 10% gewesen). 2017 führte Novartis drei Forschungszentren in der Schweiz, sechs in den USA, drei in China sowie je eins in Indien, Japan und Singapur.

Technologische Zahlungsbilanz der Schweiz 1995-2015 – Quelle: Bundesamt für Statistik, Indikatorensystem Wissenschaft und Technologie.
Technologische Zahlungsbilanz der Schweiz 1995-2015 – Quelle: Bundesamt für Statistik, Indikatorensystem Wissenschaft und Technologie. […]

Quellen und Literatur

  • Bergier, Jean-François: Wirtschaftsgeschichte der Schweiz, 1985 (französisch 1984).
  • Dudzik, Peter: Innovation und Investition. Technische Entwicklung und Unternehmerentscheide in der schweizerischen Baumwollspinnerei, 1800 bis 1916, 1987.
  • Schröter, Harm G.: «Swiss multinational enterprise in historical perspective», in: Jones, Geoffrey; Schröter, Harm G. (Hg.): The Rise of Multinationals in Continental Europe, 1993, S. 49-64.
  • Paquier, Serge: Histoire de l'électricité en Suisse. La dynamique d'un petit pays européen 1875-1939, 1998.    
  • Tissot, Laurent; Veyrassat, Béatrice (Hg.): Technological Trajectories, Markets, Institutions. Industrialized Countries, 19th-20th Centuries. From Context Dependency to Path Dependency = Trajectoires technologiques, marchés, institutions. Les pays industrialisés, XIXe-XXe siècles. De la dépendance du contexte à la dépendance de sentier, 2001.
  • Donzé, Pierre-Yves; Humair, Cédric; Mazbouri, Malik (Hg.): «Transferts de technologie», in: Traverse, 3, 2010. Online: konsultiert am 4.10.2018.
  • Gugler, Philippe; Michel, Julie: «Internationalization of R&D Activities. The Case of Swiss MNEs», in: International Business & Economics Research Journal, Bd. 9, 2010, Nr. 6, S. 65-80. Online: konsultiert am 4.10.2018.
  • Wenger, Sylvain: Industrialisation, innovation et institutions du savoir. Une perspective genevoise (1750-1850), Dissertation, Universität Genf 2016.