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Morges - Les Roseaux

Ufersiedlung der Bronzezeit am Nordufer des Genfersees, in der Gemeinde Morges (VD), seit 2011 Unesco-Welterbe.

Morges - Les Roseaux: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Morges - Les Roseaux: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Die Fundzone Les Roseaux im Nordosten der Bucht von Morges wird gegen Osten durch den Bach Le Bief begrenzt. Sie erstreckt sich in geringer Wassertiefe auf einer sanft abfallenden Terrasse im See. Das Pfahlfeld, das ihre Lage heute anzeigt, ist relativ schmal; es zieht sich über ca. 270 m dem Ufer entlang und reicht von diesem nirgends mehr als 60 m in den See hinein. Die Hauptsiedlungsphase fällt in die Frühbronzezeit, eine letzte Belegung auf einer sehr beschränkten Fläche erfolgte in der Spätbronzezeit.

1874 wird die Siedlung erstmals in der Literatur durch Gustav von Bonstetten erwähnt. Wahrscheinlich kannten aber auch schon andere Gelehrte wie z.B. François Forel, Frédéric Troyon oder Adolf von Morlot, welche die Bucht von Morges seit 1854 erforschten, die Fundstelle. Mit Grabungen wurde 1984 und 1991 in einem eng begrenzten Feld die Oberfläche der Kulturschicht untersucht, die viele pflanzliche Überreste und Keramikfragmente in sich barg. Die dendrochronologische Analyse der 199 Holzpfähle ergab Schlagdaten zwischen 1776 und ca. 1600 v.Chr. Auch die letzte Phase der Belegung ist durch einige Holzstücke bezeugt, die zwischen 1056 und 1042 v.Chr. datieren. Die genaue Chronologie der Dorfentwicklung entzieht sich allerdings unserer Kenntnis; da bei vielen Pfosten die äusseren Jahrringe fehlen, sind die Schlagdaten unsicher.

Löffelförmige Beile (maximale Länge 15,4 cm) aus Bronze vom Typ Les Roseaux, an der gleichnamigen Fundstelle entdeckt, aus der Frühbronzezeit, um 1600 v.Chr. (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Löffelförmige Beile (maximale Länge 15,4 cm) aus Bronze vom Typ Les Roseaux, an der gleichnamigen Fundstelle entdeckt, aus der Frühbronzezeit, um 1600 v.Chr. (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]
Tasse (Durchmesser 11,6 cm) aus Feinkeramik vom Typ Les Roseaux, an der gleichnamigen Fundstelle in Morges entdeckt, aus der Frühbonzezeit (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Yves André).
Tasse (Durchmesser 11,6 cm) aus Feinkeramik vom Typ Les Roseaux, an der gleichnamigen Fundstelle in Morges entdeckt, aus der Frühbonzezeit (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Yves André). […]

Die Anordnung der Pfähle legt eine oder mehrere Häuserreihen nahe, die parallel zum Ufer angelegt wurden. Fetzenartige Partien der Kulturschicht haben sich in den am weitesten im See liegenden Teilen der Fundstelle erhalten. Ausser den Pfählen sind am Seegrund keine Siedlungsreste mehr wie etwa Bodenbefestigungen oder Steinschüttungen zu erkennen. Bekannt ist die Siedlungsstelle vor allem wegen der aussergewöhnlichen Funde, die im 19. und im frühen 20. Jahrhundert hier gemacht wurden. Die reichverzierten Tassen aus Feinkeramik sowie die löffelförmigen Randleistenbeile, die aufgrund ihrer stilbildenden Besonderheiten als eigenständige Formen begriffen und entsprechend als Typ Les Roseaux bezeichnet werden, stellen die wichtigste Sammlung aus dieser Phase der Frühbronzezeit dar. Aufbewahrt werden sie im Musée cantonal d’archéologie et d’histoire in Lausanne. Die Entdeckung dieser Bronzebeile hatte den französischen Prähistoriker Gabriel de Mortillet Ende der 1860er Jahre dazu verleitet, die Periode des Übergangs von der Stein- in die Bronzezeit als das «âge morgien» zu bezeichnen. Diese Bezeichnung ist heute nicht mehr gebräuchlich. Tongeschirr figuriert ebenfalls im Inventar der Keramikformen. Dabei handelt es sich um grosse Krüge mit flachen Böden und fingertupfenverzierten Leisten. Einige Gefässformen weisen Ähnlichkeiten zu Typen auf, die dem Spätneolithikum zugeschrieben werden, aber die Homogenität des stratigrafischen Befunds scheint eine Belegung der Siedlungsstelle aus einer Zeitphase vor der Frühbronzezeit bzw. der Rhonekultur auszuschliessen.

Hechtfang in der Bucht von Morges. Rekonstruktion einer Szene aus dem Alltagsleben der Frühbronzezeit, ca. 1800-1600 v.Chr. Zeichnung von André Houot aus Des Alpes au Léman. Images de la préhistoire, herausgegeben von Alain Gallay, 20082.
Hechtfang in der Bucht von Morges. Rekonstruktion einer Szene aus dem Alltagsleben der Frühbronzezeit, ca. 1800-1600 v.Chr. Zeichnung von André Houot aus Des Alpes au Léman. Images de la préhistoire, herausgegeben von Alain Gallay, 20082. […]

Weniger als 2 km östlich von Les Roseaux liegt die Fundstelle Préverenges-Préverenges I, einer der wenigen Siedlungsplätze in der Genferseeregion, der mit Sicherheit der Frühbronzezeit zuzuordnen ist. Das archäologische Material wurde anlässlich der Grabungen 2001-2003 vollständig geborgen, weil diese Fundstelle infolge von Schäden, die der Orkan Lothar im Winter 1999-2000 verursacht hatte, einer erheblichen Erosionsgefahr ausgesetzt war. Die dendrochronologische Untersuchung der 817 gehobenen Pfähle ergab zwei Belegungsphasen, nämlich von 1780/1779 bis 1758 v.Chr. und von 1629 bis 1617/1616 v.Chr. Dass die Siedlung 129 Jahre lang nicht belegt war, wird auf eine zwischenzeitliche Phase steigender Seepegel zurückgeführt. Die Parallelitäten zwischen Préverenges I und Les Roseaux sind augenfällig: Beide Siedlungsplätze wurden vermutlich gleichzeitig genutzt. An beiden Fundstellen kam nämlich je ein löffelförmiges Randleistenbeil zum Vorschein, die wahrscheinlich beide in derselben Form gegossen worden waren. Ausserdem wiesen die beiden Siedlungen einige Pfähle mit genau denselben Schlagdaten auf.

Quellen und Literatur

  • Corboud, Pierre: Inventaire et étude archéologique des sites préhistoriques immergés du Léman. Rapport sur les recherches réalisées en 1984. Commune de Morges: station de la Poudrière, la Grande-Cité, Vers l'Eglise et les Roseaux (VD), 1986 (Département d'anthropologie de l'université de Genève, unveröffentlichter Grabungsbericht)