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Morges - Stations de Morges

Ufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit am Nordufer des Genfersees, in der Gemeinde Morges (VD), seit 2011 unter dem Sammelnamen Stations de Morges Unesco-Welterbe.

Morges - Stations de Morges: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Morges - Stations de Morges: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Die geografische Lage begünstigt die Errichtung von Siedlungen auf der Uferterrasse in der Bucht von Morges, weil diese gut vor den häufigen Winden aus nordöstlicher Richtung geschützt ist. Die Stations de Morges umfassen zwei nahe beieinander im See liegende prähistorische Siedlungszonen: Die grössere Zone Grande-Cité im Südwesten war in der Spätbronzezeit belegt. Die weiter nordöstlich situierte Zone Vers-l’Eglise war dagegen sowohl im Endneolithikum als auch in der Spätbronzezeit besiedelt.

Die Entdeckung der Fundstelle Grande-Cité erfolgte nur wenige Monate nach derjenigen der «Pfahlbaudörfer» in der Gemeinde Meilen am Zürichsee (Pfahlbauer). Am 24. August 1854 nahm Adolf von Morlot, ausgerüstet mit einem einfachen eisernen Taucherhelm, die erste Untersuchung unter Wasser vor, welche die Vorstellungen von der archäologischen Erforschung der Pfahlbauten in der Schweiz um die Mitte des 19. Jahrhunderts prägte. Mehrere Autoren erwähnten in der Folge das Dorf Grande-Cité, so Frédéric Troyon (1858 und 1860), Ferdinand Keller (1858), Gustav von Bonstetten (1874) und François-Alphonse Forel (1876), der im dritten Band seines Werks über den Genfersee (1904) auch eine Synthese über den damaligen Erkenntnisstand vermittelte. Die Fundstelle Vers-l’Eglise wurde wahrscheinlich ebenfalls 1854 entdeckt, aber erst 1876 stellte Forel fest, dass es sich um eine eigenständige Siedlung handeln musste, die nicht mit dem Dorf von Grand-Cité zusammenfiel. Untersuchungen in neuerer Zeit erfolgten schliesslich 1984; damals wurden an allen Unterwasserfundstellen in der Bucht von Morges systematische Prospektionen durchgeführt.

Modelle von Pfahlschuhfundamentierungen, konstruiert nach Beispielen von der Fundstelle Grande-Cité (Spätbronzezeit). Maximale Höhe ca. 15 cm, entworfen 1890-1900 (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Modelle von Pfahlschuhfundamentierungen, konstruiert nach Beispielen von der Fundstelle Grande-Cité (Spätbronzezeit). Maximale Höhe ca. 15 cm, entworfen 1890-1900 (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Die Ausdehnung des weitläufigen Dorfs Grande-Cité ist anhand des Pfahlfelds sowie einiger anderer erhaltener Bauteile (Pfahlschuhe, Reste von Dielen) auszumachen. Ein fetzenartiges Stück der Kulturschicht hat sich in den am weitesten vom Ufer entfernten Partien der Fundzone erhalten; es enthielt Keramikscherben sowie pflanzliche Reste. Die Datierung in die Spätbronzezeit beruht auf Keramikfragmenten und Bronzeobjekten sowie auf einem einzelnen dendrochronologischen Befund (1031 v.Chr.).

Etwas weiter im See fand sich vor Grande-Cité ein Einbaum aus Eichenholz, der bei klarem Wasser sichtbar war. 1832 versuchte eine Gruppe von Jugendlichen, das Gefährt zu bergen, doch dieses zerbrach dabei in zwei Teile. Die an Land gebrachte Hälfte trocknete aus und zerfiel zu Staub. 1877 hoben, wie Forel 1904 festhielt, zwei "Piraten" aus Genf die im Wasser verbliebene Hälfte und verkauften sie an das Musée de Genève. Dies löste einen juristischen Prozess aus, über die Streitfrage ist allerdings nichts Genaueres bekannt. Die gehobene Hälfte des Einbaums ist heute im Saal für regionale Archäologie des Musée d’art et d’histoire in Genf ausgestellt. Die dendrochronologische Analyse bestätigte die Datierung in die Spätbronzezeit; der Baum war nach 1105 v.Chr. gefällt worden.

Profile von zwei Tonkrügen aus dem Spätneolithikum, rekonstruiert anhand von zwei Keramikfragmenten, die an der Fundstelle Morges-Vers-L’Eglise gefunden wurden. Zeichnung von Dominique Baudais, 1992 (Universität Genf).
Profile von zwei Tonkrügen aus dem Spätneolithikum, rekonstruiert anhand von zwei Keramikfragmenten, die an der Fundstelle Morges-Vers-L’Eglise gefunden wurden. Zeichnung von Dominique Baudais, 1992 (Universität Genf). […]

Die Kulturschicht der Fundzone Vers-l’Eglise ist gut erhalten, sie wird dem Endneolithikum (Lüscherzkultur, um 2950 bis 2650 v.Chr.) zugewiesen. Ein von Menschen angelegter sogenannter Steinberg - mit diesem Begriff bezeichneten die Archäologen des 19. Jahrhundert eine dicke Steinschüttung - bedeckt die ganze Oberfläche der Fundstelle, aus der Pfähle in dichter Reihung herausragen. Die Pfähle und die Steinschüttung stammen wahrscheinlich von der zweiten Belegung des Areals in der Spätbronzezeit.

Das Fundmaterial aus der Zone Grande-Cité ist sehr reichhaltig. Es wird im Musée cantonal d’archéologie et d’histoire in Lausanne aufbewahrt und umfasst vor allem Objekte aus Bronze, darunter Schmuck und Werkzeuge, sowie wenig Keramik. Bei Vers-l’Eglise kam eine grosse Zahl von geschliffenen Beilklingen aus Grüngestein zum Vorschein. Während der Untersuchungen von 1984 wurden Fragmente von zwei grossen, leistenverzierten Tonkrügen sowie eine durchlochte Hammeraxt aus Hirschgeweih entdeckt, welche die Museumssammlung bereicherten. Diese Fundstücke sind weitere Belege für die Besiedlung von Vers-l'Eglise im Endeolithikum.

Die Fundstellen in der Bucht von Morges bergen noch viele bis heute nicht preisgegebene Informationen über die Siedlungsgeschichte der Genferseeregion in den beiden Phasen des Endneolithikums und der Spätbronzezeit.

Quellen und Literatur

  • Corboud, Pierre: Inventaire et étude archéologique des sites préhistoriques immergés du Léman. Rapport sur les recherches réalisées en 1984. Commune de Morges: station de la Poudrière, la Grande-Cité, Vers l'Eglise et les Roseaux (VD), 1986 (Département d'anthropologie de l'université de Genève, unveröffentlichter Grabungsbericht).