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Yverdon-les-Bains - Baie de Clendy

Ufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit am Südwestende des Neuenburgersees, in der Gemeinde Yverdon-les-Bains (VD), seit 2011 unter dem Sammelnamen Baie de Clendy Unesco-Welterbe.

Yverdon-les-Bains - Baie de Clendy: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Yverdon-les-Bains - Baie de Clendy: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Die weitläufige Ufersiedlungsgruppe in der Baie de Clendy liegt nahe der Stadt Yverdon-les-Bains in einem sich rasch entwickelnden städtischen Quartier, das einem starken Baudruck unterliegt. Sie gehört zu den wichtigsten Ufersiedlungskomplexen der Westschweiz und umfasst nicht weniger als sechs Dörfer, die - mit Unterbrüchen in Phasen höherer Seepegel - zwischen dem Jungneolithikum und der Frühbronzezeit besiedelt waren.

Reste von Pfahlbauten wurden erst in den 1960er Jahren entdeckt, fast ein Jahrhundert nach dem Beginn der ersten Juragewässerkorrektion (1868-1891). Die Verspätung war darauf zurückführen, dass die archäologischen Schichten von späteren Ablagerungen zugedeckt und keinerlei freiliegende archäologische Strukturen am Seegrund zu erkennen waren.

Boden einer Schale aus zusammengenähter Birkenrinde, 25 cm lang, aus dem Jungneolithikum (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Boden einer Schale aus zusammengenähter Birkenrinde, 25 cm lang, aus dem Jungneolithikum (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Der Bau einer Garage war 1962 der Anlass für eine erste Grabung auf einer Fläche von rund 200 m2 in der Avenue des Sports. Zwischen 1969 und 1975 folgten systematische Grabungen, die in mehreren Kampagnen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Freiburg im Breisgau durchgeführt wurden. In Zusammenhang mit den Bauarbeiten für einen Tank wurde 1973 eine Fläche von 24 m2 einer Untersuchung unterzogen, die mehrere Besiedlungen im Zeitraum vom Jungneolithikum bis zur Frühbronzezeit ergab. 1988-1989 folgte eine weitere, von Claus Wolf geleitete Erforschung eines Sektors von 240 m2. Der aussergewöhnliche stratigrafische Befund, der neun Siedlungsphasen zwischen dem Jung- und dem Endneolithikum erkennen liess, bildet seither - auf der Basis der in den einzelnen Schichten gefundenen Keramiktypen - die  Referenzchronologie für das Neolithikum im Drei-Seen-Land.

Spätneolithisches Keramikensemble, gefunden in Yverdon-les-Bains zwischen 1969 und 1989. Durchmesser des grössten Tongefässes ca. 21 cm (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Spätneolithisches Keramikensemble, gefunden in Yverdon-les-Bains zwischen 1969 und 1989. Durchmesser des grössten Tongefässes ca. 21 cm (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Die gesamte Abfolge der Schichten im Fundgebiet bezeugt die Überlagerung der Besiedlungen im Zeitraum zwischen dem späten Jungneolithikum und der Frühbronzezeit. Belegt sind mehrere Unterbrüche in der Besiedlung, die auf Phasen mit hohen Seespiegeln zurückgeführt werden. So folgte auf eine erste Siedlungsphase im Cortaillod tardif (Cortaillodkultur) eine durch verheerende Hochwasser verursachte Zäsur, danach eine erneute Belegung in der Lüscherzkultur; aus dieser Kulturphase stammen reiche Funde an Werkzeugen aus Hirschgeweih. Während des Endneolithikums rückte das Dorf in Richtung See vor, musste aber wegen eines weiteren Hochwassers erneut aufgelassen werden. Schliesslich errichteten die Menschen in der Frühbronzezeit wieder ein Dorf am gleichen Standort wie während des Cortaillod tardif.

Die Kulturschichten der Ufersiedlungen aus der Baie de Clendy blieben, tief unter dem Bodenniveau gelegen und überdeckt von Seeablagerungen und Schwemmmaterial, besonders gut erhalten; organische Überreste sind aussergewöhnlich gut konserviert. Zudem profitierten die Siedlungen von ihrer Lage am südwestlichen Ende des Neuenburgersees, indem sich hier günstige geografische und geomorphologische Gegebenheiten verbanden.

Die Fundstelle Promenade des Anglaises in Yverdon-les-Bains mit den wieder aufgerichteten Megalithen des archäologischen Lehrpfads, der 1986 angelegt wurde (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Denis Weidmann und Jean-Louis Voruz).
Die Fundstelle Promenade des Anglaises in Yverdon-les-Bains mit den wieder aufgerichteten Megalithen des archäologischen Lehrpfads, der 1986 angelegt wurde (Musée cantonal d'archéologie et d'histoire, Lausanne; Fotografie Denis Weidmann und Jean-Louis Voruz).

Einerseits haben sich mehrere Küstenstreifen (Ablagerungen aus Sand und Geröll) uferparallel in ganz bestimmten Abständen vom See bis zur heutigen Altstadt gebildet, welche jeweils die Grenzen der - scheinbar lückenlos aufeinander folgenden - Siedlungen in den verschieden Phasen markieren. Der älteste Küstenstreifen auf der Seeseite datiert aus dem 4. Jahrtausend v.Chr.; auf dieser Uferformation war eine der grössten Megalithstätten der Westschweiz errichtet worden. Die kultisch oder anderweitig symbolisch aufgeladene Stätte versammelt 45 von Menschen behauene Megalithen an der Promenade des Anglaises und steht offensichtlich im Zusammenhang mit den ältesten Siedlungen des Jungneolithikums um 3860 v. Chr. Bis zur Spätbronzezeit, um 1000 v.Chr., erfuhr die Baie de Clendy noch mehrere Belegungen.

Die geografisch zwischen Drei-Seen-Land, Genferseebecken und Jura - über den die Verbindungen ins Gebiet der Saône führten - liegenden Ufersiedlungen befand sich an der Schnittstelle mehrerer Kulturbereiche. Die daraus resultierenden Einflüsse der verschiedenen Siedlungsgruppen machen letztlich den Reichtum der prähistorischen Stätten des schweizerischen Mittellands aus.

Kleiner spätneolithischer Einbaum aus Lindenholz von 33 cm Länge, um 2700 v.Chr. (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson).
Kleiner spätneolithischer Einbaum aus Lindenholz von 33 cm Länge, um 2700 v.Chr. (Musée cantonal d’archéologie et d’histoire, Lausanne; Fotografie Fibbi-Aeppli, Grandson). […]

Quellen und Literatur

  • Strahm, Christian: "Les fouilles d'Yverdon", in: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, 57, 1972-1973, S. 7-16 (und 10 Bildtafeln). Online: e-periodica, konsultiert am 01.11.2018.
  • Kaenel, Gilbert: La fouille du "Garage-Martin, 1973". Précisions sur le site de Clendy à Yverdon (néolithique et âge du Bronze), 1976 (Cahiers d'archéologie romande, 8).
  • Kaenel, Gilbert; Strahm, Christian: "La baie de Clendy à Yverdon du Néolithique à l'âge du Bronze", in: Archäologie der Schweiz, 1978, Nr. 2, S. 45-50. Online: e-periodica, konsultiert am 01.11.2018.
  • Strahm, Christian; Wolf, Claus: "Das Neolithikum der Westschweiz und die Seeufersiedlungen von Yverdon-les-Bains", in: Degen, Rudolf; Höneisen, Markus (Hg.), Die ersten Bauern. Pfahlbaufunde Europas. Forschungsberichte zur Ausstellung im Schweizerischen Landesmuseum und zum Erlebnispark/Ausstellung Pfahlbauland in Zürich, 28. April bis 30. September 1990, 1990, Bd. 1, S. 331-343.
  • Wolf, Claus: Die Seeufersiedlung Yverdon. Avenue des Sports (Kanton Waadt). Eine kulturgeschichtliche und chronologische Studie zum Endneolithikum der Westschweiz und angrenzender Gebiete, 1993 (Cahiers d'archéologie romande, 59).