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Yvonand - Le Marais

Ufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit am Südufer des Neuenburgersees, in der  Gemeinde Yvonand (VD), seit 2011 unter dem Sammelnamen Le Marais Unesco-Welterbe.

Yvonand - Le Marais: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.
Yvonand - Le Marais: Situationskarte 2018 (Geodaten: Bundesamt für Statistik, Swisstopo, OpenStreetMap) © 2019 HLS.

Die Bucht von Yvonand beherbergt eine archäologische Zone, die fünf Ufersiedlungen an Land umfasst. Die wichtigsten, als Yvonand II, IV und V bezeichnet, überlagern sich teilweise und bilden zusammen die Fundzone Le Marais. Die am besten erhaltenen Niederlassungen datieren aus dem Spät- und Endneolithikum und gehören zur Horgener Kultur und zur Lüscherzkultur. Das jüngste Dorf war dagegen in der Spätbronzezeit besiedelt. Ausserhalb dieser Ufersiedlungsgruppe sind noch zwei weitere Fundstellen bekannt: Yvonand III im Westen wurde dem Jungneolithikum bzw. der Cortaillodkultur zugeordnet, Yvonand I im Osten dem Spät- und dem beginnenden Endneolithikum bzw. der Lüscherzkultur und der frühen Auvernierkultur.

Die topografischen und geomorphologischen Bedingungen der Fundstellen von Yvonand sind charakteristisch für die am Neuenburgersee entdeckten Ufersiedlungen. Spätneolithische Ackerbauern und Viehzüchter liessen sich auf einer weitläufigen Geländeterrasse nieder, die während Phasen mit tiefem Seespiegel trockengefallen war. Die Terrasse bestand aus Schwemmmaterial im Deltabereich der Menthue, die im Westen der Bucht in den See mündet. Östlich des Flusses hatten sich parallel zum Ufer Küstenstreifen gebildet, welche die Ufersiedlungen gegen Norden vor Erosion und Sturmwellen schützten.

Pfahlwerke, die auf eine prähistorische Siedlung hindeuteten, erwähnte Frédéric Troyon ab 1860, doch ihr Alter war nicht sicher zu bestimmen. Erst 1920-1921 wurden anlässlich der Trockenlegung des Feuchtgebiets Le Marais die Seeufersiedlungen in der Bucht von Yvonand eindeutig identifiziert. 1950 wurde die spätbronzezeitliche Siedlung Yvonand II entdeckt. Eine erste, von Jean-Charles Hübscher geleitete Grabung erfolgte 1953. Das gesamte Fundareal wurde 1973 in Zusammenhang mit Sondierungen zu Prospektionszwecken auf dem Trassee der Autobahn A1 untersucht. 1973 und 1974 erfolgten weitere archäologische Sondierungen; der Fundort Yvonand V wurde 1974 prospektiert und teilweise ausgegraben, als für den Bau einer benachbarten Fabrik ein Kanal ausgehoben wurde. Die 2000 durchgeführten Kernbohrungen ermöglichten, die Ausdehnung der verschiedenen Niederlassungen abzuschätzen und ihren Erhaltungszustand zu bewerten.

Die Ufersiedlungen von Yvonand-Le Marais waren zwischen dem Spätneolithikum und der Spätbronzezeit belegt. Die älteste Siedlung des Areals, Yvonand IV, enthält zwei archäologische Schichten, die anhand des Fundmaterials der Horgener und der Lüscherzkultur zugeordnet werden. Die beiden Horizonte befinden sich innerhalb eines Pfahlfelds und sind gut erhalten. Die Station Yvonand V, die ebenfalls der Lüscherzkultur angehört, stimmt in der Ausdehnung mit Yvonand IV überein. Von Yvonand II, das in der Spätbronzezeit bewohnt war und damit die jüngste Siedlung der Fundzone darstellt, ist keine intakte archäologische Schicht überliefert.

Das Fundareal von Yvonand ist für die Rekonstruktion der Bevölkerungsgeschichte des Neolithikums in der Westschweiz unverzichtbar und bleibt für das Verständnis der Beziehungen zwischen den neolithischen Kulturen der West- und der Ostschweiz zentral. Der Übergang von der Horgener zur Lüscherzkultur ist durch das hier zutage geförderte Fundmaterial aussergewöhnlich gut dokumentiert. Yvonand liegt an der schweizerischen Westgrenze des Verbreitungsgebiets der Horgener Kultur, die im Drei-Seen-Land auch nachgewiesen ist und in der östlichen Schweiz ihren Ursprung hat.

Die Grabungen in Yvonand IV förderten ein Pfahlfeld zutage, dessen Pfähle viereckige Hausgrundrisse erkennen lassen, auf der Landseite geschützt durch einen doppelreihiger Zaun. Verziegelter Lehm deutet auf die Feuerstelle in der Mitte jedes Wohnplatzes hin.

Die fünf Ufersiedlungen in der Waadtländer Gemeinde Yvonand. Infografik von Pierre Corboud, Universität Genf, 2019 (Quelle Luftbild: Bundesamt für Landestopografie).
Die fünf Ufersiedlungen in der Waadtländer Gemeinde Yvonand. Infografik von Pierre Corboud, Universität Genf, 2019 (Quelle Luftbild: Bundesamt für Landestopografie). […]

Die Verteilung der einzelnen Siedlungen folgt einer Achse vom festen Land in Richtung See; sie resultiert aus der Anpassung der Siedlungsareale an die klimabedingten Pegelschwankungen. Die grosse Ausdehnung der mit mehreren Dörfern belegten Uferterrasse erleichtert das Nachvollziehen der Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bauphasen und den Schwankungen des Seespiegels. Die für die Horgener und Lüscherzkultur typische Keramik ist auf dem Fundareal besonders reich vertreten. Zwei in Yvonand entdeckte Kupfernadeln mit Spiralkopf sind die ersten Belege für die Kupferbearbeitung in der Westschweiz. Einige Metallobjekte aus der Spätbronzezeit, insbesondere Gussrückstände, stammen aus den Grabungen von Jean-Charles Hübscher von 1953.

Quellen und Literatur

  • Troyon, Frédéric: Habitations lacustres des temps anciens et modernes, 1860 (Mémoires et documents publiés par la Société d'histoire de la Suisse romande, 17).
  • Hübscher, Jean-Charles: "Yvonand (distr. Yverdon, Vaud)", in: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte, 43, 1953, S. 48-53. Online: e-periodica, konsultiert am 05.11.2018.
  • Strahm, Christian: "Neue Kupferfunde aus der Westschweiz", in: Helvetia Archaeologica, 6, 1975, S. 16-21.
  • Hefti-Ott, Sara: Die Keramik der neolithischen Ufersiedlung Yvonand 4, 1977 (Schriften des Seminars für Urgeschichte der Universität Bern, 1).
  • Jeanneret, Roland; Voruz, Jean-Louis: "Les stations littorales de la baie d'Yvonand (synthèse des fouilles et sondages 1973-1974)", in: Voruz, Jean-Louis: L'industrie lithique de la station littorale d'Yvonand. Exemple d’étude de typologie analytique, 1977, S. 13-38 (Cahiers d'archéologie romande, 10).