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Frauenzentralen der Schweiz

Zentrale Frauenhilfen

Die städtisch oder kantonal verankerten Frauenzentralen sind private Vereine, welche die lokalen und regionalen Frauenorganisationen koordinieren sowie den Austausch und die Vernetzung unter- bzw. miteinander ermöglichen. Die einzelnen Frauenzentralen weisen unterschiedliche thematische Ausrichtungen und Arbeitsschwerpunkte auf. Sie vertreten gegenüber Behörden ihre Interessen und partizipieren am Gesetzgebungsprozess. Als gemeinsames Ziel definieren sie in ihren heutigen Statuten die Gleichstellung von Frau und Mann in der Arbeitswelt, Gesellschaft und Politik. Im Rahmen der Konferenz der Frauenzentralen Schweiz treffen sich die kantonalen Zentralen regelmässig, um sich über ihre Tätigkeiten zu informieren. Ausserdem veröffentlichen sie gemeinsame Stellungnahmen zu Themen, die von überregionaler Bedeutung sind. 2019 existierten 17 Frauenzentralen.

Installation der Frauenzentralen im Pavillon Die Frau im Dienste des Volkes an der Saffa 1958. Aufnahmen der Basler Fotografin Claire Roessiger (Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen, Fotosammlung B/80 und B/79).
Installation der Frauenzentralen im Pavillon Die Frau im Dienste des Volkes an der Saffa 1958. Aufnahmen der Basler Fotografin Claire Roessiger (Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen, Fotosammlung B/80 und B/79). […]

Erste Frauenzentralen entstanden in Zürich und St. Gallen zu Beginn des Ersten Weltkriegs. In den ersten beiden Kriegsjahren wurden auch in Basel und Winterthur solche Vereinigungen gegründet. Vorerst unter dem Namen Zentrale Frauenhilfen bezweckten sie, freiwillige Hilfskräfte zu organisieren, um den akuten Notständen infolge der Mobilmachung entgegenzutreten und als Anlaufstelle für zivile Fürsorgefälle wirken zu können. Sie übernahmen damit einerseits Tätigkeiten, die eigentlich Aufgabe einer staatlichen Sozialpolitik gewesen wären, und führten andererseits nach Kriegsausbruch zu einer Annäherung zwischen den Feministinnen und den staatlichen Behörden. Wie die Zahl der Gründungsmitglieder – 25 Vereine im Kanton St. Gallen sowie 14 städtische Frauenvereine in Zürich – zeigt, fehlte es nicht an Frauenorganisationen. Ziel der Zentralen Frauenhilfen war es aber, die bereits vorhandenen Bestrebungen kantonal zusammenzuschliessen. Zwar existierten mit dem Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen (BSF), dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund, dem Schweizerischen Verband für das Frauenstimmrecht (SVF), dem Schweizerischen Arbeiterinnenverband, dem Verband deutschschweizerischer Frauenvereine zur Hebung der Sittlichkeit und der Vereinigung der Freundinnen junger Mädchen überregionale Zusammenschlüsse. Die starke Stellung der gesamtschweizerischen Verbände, zwischen denen konfessionelle und politische Divergenzen bestanden, erschwerte aber das gemeinsame Vorgehen der ihnen angeschlossenen Lokalsektionen. In den Städten arbeiteten allerdings bürgerliche Frauenorganisationen und Arbeiterinnenvereine in den Zentralen Frauenhilfen oft gut zusammen, obwohl sich die Überwindung der Klassengegensätze auf nationaler Ebene seit 1912 zunehmend schwieriger gestaltete.

Die Forschungsliteratur führt die Gründung der Zentralen Frauenhilfen denn auch nicht allein auf die durch den Kriegsausbruch anfallenden Nothilfeaufgaben zurück. Vielmehr wird ihre Schaffung, die vor allem als Initiative des dem fortschrittlichen Flügel der Frauenbewegung zugerechneten BSF und der Stimmrechtsvereine (SVF) erachtet wird, mit zwei Faktoren erklärt: Einerseits konnten die Frauen ihren Einsatz während der Kriegszeit mit der Forderung nach gesellschaftlicher und politischer Gleichstellung verbinden. Andererseits fehlte den fortschrittlichen Vereinen jene Infrastruktur für Hilfsaktionen, über welche die gemeinnützigen Frauenvereine etwa in Form von Schulen, Spitälern oder Kontakten zu Behörden verfügten. Durch ihre bessere Einbindung in die Landesverteidigung wurden die gemeinnützigen Frauenvereine somit zu umworbenen Koalitionspartnerinnen.

Wärmestube für ältere Frauen der Zürcher Frauenzentrale. Fotografie, um 1934 (Zürcher Frauenzentrale, A-3.2.01).
Wärmestube für ältere Frauen der Zürcher Frauenzentrale. Fotografie, um 1934 (Zürcher Frauenzentrale, A-3.2.01). […]

In St. Gallen gelang es, Vertreterinnen aus gemeinnützigen und katholischen Frauenvereinen sowie aus den Arbeiterinnenvereinen für die Zentrale Frauenhilfe zu gewinnen. Bis 1916 waren die Vereinsdelegierten lediglich durch die gemeinsame Geschäftsstelle miteinander verbunden. Durch die Aussicht auf das Frauenstimmrecht in den Kirchgemeinden wurde die Koalition Ende 1919 als Frauenzentrale konstituiert und trat dem BSF bei. In Zürich trat der katholische Frauenbund 1920 der 1916 aus der Zentralen Frauenhilfe hervorgegangenen Frauenzentrale bei und die Sozialdemokratinnen schlossen sich nach dem Zweiten Weltkrieg an. Die Frauenzentralen St. Gallen und Zürich waren vor allem im Fürsorgebereich tätig, wobei sich Letztere bereits im Kontext des Landesstreiks von 1918 mit der Arbeiterinnenbewegung solidarisierte, was auf deren Forderung nach dem Frauenstimmrecht zurückgeführt wird. Hingegen verband die Frauenzentrale Bern, im Winter 1919-1920 unter dem Namen Berner Frauenbund gegründet, ihre Hilfstätigkeiten schon zu Beginn mit dem Frauenstimmrecht, da sich dort die Voraussetzungen für einen kantonalen Erfolg als günstiger erwiesen.

Erst unter dem Druck der Wirtschaftskrise und der geistigen Landesverteidigung rückten die Frauenzentralen im Zeichen des nationalen Schulterschlusses ab den 1930er Jahren von der Forderung der politischen Gleichstellung ab. Sie konzentrierten sich jetzt auf ihre Hilfs- und Fürsorgetätigkeiten sowie auf ihr soziales Engagement im Bereich der Erziehung sowie der Berufs- und Rechtsberatung.

Hilfsaktion der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden für die Glarner Frauen, Anfang Mai 1972 auf dem Obstmarkt vor dem Regierungsgebäude in Herisau. Fotografie der S.+E. Tanner Bildinformation aus St. Gallen (Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Herisau, Pa.029-10-01-01-01).
Hilfsaktion der Frauenzentrale Appenzell Ausserrhoden für die Glarner Frauen, Anfang Mai 1972 auf dem Obstmarkt vor dem Regierungsgebäude in Herisau. Fotografie der S.+E. Tanner Bildinformation aus St. Gallen (Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Herisau, Pa.029-10-01-01-01). […]

In den protestantischen Kantonen der französischen Schweiz entstanden Frauenzentralen dem Namen nach später; sie entwickelten sich aus Verbänden heraus, zu denen sich die sogenannten Unions des femmes zusammengeschlossen hatten. Die Unions des femmes waren ihrerseits nach amerikanischem Vorbild ab Ende des 19. Jahrhunderts gegründete, politisch und konfessionell neutrale Frauenvereine, die sich neben moralischen, sozialen und praktischen Zielen (Bekämpfung der Prostitution und des Alkoholismus, Hauswirtschaftsunterricht, Hygiene) auch für die staatsbürgerliche Erziehung der Frauen einsetzten und die politische Gleichberechtigung forderten. Die 1891 gegründete Union des femmes de Genève fusionierte mit anderen Vereinen 1937 zur Genfer Frauenzentrale. Im Kanton Waadt konstituierten sich Unions des femmes unter anderem 1896 in Lausanne, 1903 in Vevey, 1904 in Morges, 1905 in Nyon und Château-d’Œx sowie 1908 in Moudon. Sie vereinigten sich zunächst in der Union des femmes du canton de Vaud, traten später dem Cartel des sociétés féminines vaudoises (1934) und schliesslich der 1961 ins Leben gerufenen Waadtländer Frauenzentrale bei. Im Kanton Neuenburg bildeten Frauenverbände, die unter anderem 1905 in Neuenburg und 1921 in Le Locle ihre Arbeit aufnahmen, 1945 die kantonale Frauenzentrale.

Einladung der Neuenburger Frauenzentrale zu einem Frauentag. Kleinplakat, gedruckt in der Imprimerie de l'Evole SA, Neuenburg, 1986 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel, Af-A-1067).
Einladung der Neuenburger Frauenzentrale zu einem Frauentag. Kleinplakat, gedruckt in der Imprimerie de l'Evole SA, Neuenburg, 1986 (Bibliothèque publique et universitaire de Neuchâtel, Af-A-1067). […]

Nach 1945 erweiterten die einzelnen Frauenzentralen ihre Beratungsangebote in verschiedene Richtungen (Rechts-, Budget-, Vorsorgefragen, Alimenteninkasso, Sexualität und Schwangerschaft usw.). Daneben traten als neue Tätigkeitsbereiche die Rationalisierung und Professionalisierung der Hausarbeit, der Konsumentinnenschutz (Konsumverhalten) sowie allgemein die Frauenerwerbsarbeit und besonders die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch der Einsatz für die politische Gleichberechtigung rückte wieder in den Vordergrund. Während des Kalten Kriegs vertraten die Frauenzentralen stramm antikommunistische Positionen. Ihre Rolle als Vorreiterinnen einer überparteilichen und überkonfessionellen progressiven Sozialpolitik, die sie in der Zwischenkriegszeit noch ausgezeichnet hatte, büssten die Frauenzentralen jetzt weitgehend ein.

Ab Mitte der 1950er Jahre wurde auch im Tessin der Ruf nach einer politisch und konfessionell neutralen Dachorganisation laut. 1957 regte Denise Berthoud, Präsidentin des BSF, während der Vorbereitungsarbeiten für dessen Jahresversammlung im Tessin die Gründung einer solchen Organisation für die italienische Schweiz an. Dieser Vorschlag fiel auf fruchtbaren Boden. Dazu trug auch die erfolgreiche Abwehr der bundesrätlichen Pläne bei, den Frauen eine obligatorische Zivildienstpflicht aufzuerlegen. Dieser Erfolg in der Abstimmung vom 3. März 1957 stärkte die Solidaritätsgefühle unter den Frauen. Im April gründeten Vertreterinnen von zwölf Frauenorganisationen die Federazione ticinese delle Società femminili (FTFS), die 2001 in Federazione delle Associazioni femminili Ticino (FAFT) umbenannt wurde. Hauptziel war die Einführung des Frauenstimmrechts. Die ersten Repräsentantinnen des FTFS stammten vorwiegend aus bürgerlichem Milieu und verfügten über eine gute Ausbildung. Sie standen der politischen Mitte nahe und wohnten im Sottoceneri.

Auch in den katholischen Kantonen der Westschweiz wurden Frauenzentralen erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Leben gerufen. Die Gründungen in den Kantonen Freiburg, Jura und Wallis erfolgten 1973, 1983 sowie 1984.

Quellen und Literatur

  • Archiv Gosteli-Foundation, Worblaufen.
  • Schweizerischer Frauenkalender (= Jahrbuch der Schweizer Frauen), 1911-1964.
  • Mesmer, Beatrix: "Jubiläen und Geschichtsbilder. Einige Bemerkungen zur Selbstdarstellung der Frauenzentralen", in: Belser, Katharina; Ryter, Elisabeth et al. (Hg.): Solidarität, Streit, Widerspruch. Festschrift für Judith Jánoska, 1991, S. 41-52.
  • Castelletti, Susanna; Fornara, Lisa: Donne in movimento. Storia della Federazione Associazioni Femminili Ticino 1957-2007, 2007.
  • Mesmer, Beatrix: Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht. Die Politik der schweizerischen Frauenverbände 1914-1971, 2007.
  • Ruckstuhl, Brigitte; Ryter, Elisabeth: Beraten, bewegen, bewirken. Zürcher Frauenzentrale 1914-2014, 2014.