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Frauenstreik (1991)

Am 14. Juni 1991 beteiligten sich Hunderttausende Frauen in der ganzen Schweiz an Protest- und Streikaktionen für ihre Rechte. Es handelte sich um die grösste öffentliche Mobilisierung seit dem Landesstreik von 1918.

Eine Aktion während des Frauenstreiks am 14. Juni 1991. Fotografie von Brigitte Marassi, aufgenommen vor dem Hotel Savoy auf dem Zürcher Paradeplatz (Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Bern, Dossier G 437).
Eine Aktion während des Frauenstreiks am 14. Juni 1991. Fotografie von Brigitte Marassi, aufgenommen vor dem Hotel Savoy auf dem Zürcher Paradeplatz (Schweizerischer Gewerkschaftsbund, Bern, Dossier G 437). […]

Streik oder politischer Massenprotest?

Da nicht nur Arbeitnehmerinnen, sondern auch Studentinnen, Hausfrauen, Arbeitslose oder aus anderen Gründen nicht erwerbstätige Frauen sowie selbstständig Erwerbende an den verschiedenen Aktionen teilnahmen, stellt sich die Frage, ob die Bezeichnung Streik für den Frauenstreik zutrifft. Die traditionelle Definition versteht unter Streik nämlich "die kollektive Verweigerung von vertraglich vereinbarter abhängiger Arbeit zur Durchsetzung bestimmter Arbeitsbedingungen" (Bernard Degen) und erfasst somit nur unselbstständig Erwerbstätige unter der Kategorie Streikende. Feministische Denkerinnen und Aktivistinnen wie Margarethe Hardegger haben demgegenüber schon früh diesen Streikbegriff in Frage gestellt. Denn die klassische Definition basiert auf der geschlechtsspezifischen Trennung von Produktion und Reproduktion, die sich im Zuge der Industrialisierung etabliert hat, und beruht auf einem Arbeitsverständnis, das nur die Arbeitsleistung in normierten Arbeitsverhältnissen gegen Bezahlung berücksichtigt, andere Arbeitsformen hingegen ausschliesst. Der Frauenstreik von 1991 unterschied sich in zweierlei Hinsicht von diesem Streikverständnis: Erstens erfasste er auch Nichterwerbstätige. Zweitens handelte es sich weniger um einen ökonomischen als um einen politischen Streik, der sich nicht nur an die Arbeitgeber, sondern in erster Linie an die Adresse des Staates richtete.

Vorgeschichte

Christiane Brunner bei ihrer Rede in Solothurn anlässlich des Frauenstreiks vom 14. Juni 1991 (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich, F 5032-Fb-0630).
Christiane Brunner bei ihrer Rede in Solothurn anlässlich des Frauenstreiks vom 14. Juni 1991 (Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich, F 5032-Fb-0630). […]

Am Anfang der Massenbewegung von 1991 stand eine Gruppe Uhrenarbeiterinnen aus dem Vallée de Joux. Auch zehn Jahre nach der Verankerung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung bestand die Lohnungleichheit weiter, obwohl dieser Artikel ein direkt einklagbares Individualrecht auf gleichen Lohn für gleiche oder gleichwertige Arbeit enthielt. Eine der Initiantinnen, Liliane Valceschini, gewann Christiane Brunner, die Sekretärin des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbands (Smuv), dafür, die Streikidee dem Vorstand des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) zu unterbreiten. Mit knapper Mehrheit sprachen sich die Vorstandsmitglieder am 29. August 1990 für den Streikantrag aus. Nach einiger Überzeugungsarbeit stimmte im Oktober auch der SGB-Kongress geschlossen dafür. Er befürwortete einen veritablen Streik, nicht nur einen Aktionstag. Trotz anfänglicher Widerstände seitens männlicher Gewerkschaftsmitglieder gründete der SGB im Dezember ein nationales Streikkomitee. Es folgten bald kantonale und lokale Koordinationskomitees, an denen sich neben Gewerkschafterinnen auch Vertreterinnen der Neuen Frauenbewegung und anderer Organisationen beteiligten, etwa der Organisation für die Sache der Frauen (Ofra), der Gruppe Frauen macht Politik! (Frap!), des Schweizerischen Verbands für Frauenrechte (SVF), der trotzkistischen Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), der Sozialdemokratischen Partei (SP), der überparteilichen Komitees zur Verwirklichung der gleichen Rechte für Frauen sowie viele nicht organisierte Frauen. Die Gewerkschaften lieferten logistische Unterstützung sowie materielle und finanzielle Ressourcen, doch liefen die Vorbereitungen dezentral und weitgehend autonom. Gleichzeitig drohten zahlreiche private und staatliche Arbeitgeber Sanktionen und Entlassungen für den Fall eines Bruchs der Friedens- oder der Treuepflicht an (Arbeitsfrieden).

Heute, am 14. Juni. Karikatur von Adriano Crivelli, erschienen auf der Titelseite der Libera Stampa am Tag des Frauenstreiks, dem 14. Juni 1991 (Biblioteca cantonale, Lugano, Archivio digitale Sbt dei Quotidiani e Periodici).
Heute, am 14. Juni. Karikatur von Adriano Crivelli, erschienen auf der Titelseite der Libera Stampa am Tag des Frauenstreiks, dem 14. Juni 1991 (Biblioteca cantonale, Lugano, Archivio digitale Sbt dei Quotidiani e Periodici). […]

Der Streiktag und sein Echo in den Medien

Der Streik unter dem Motto "Wenn Frau will, steht alles still" fand am 14. Juni 1991 statt, genau zehn Jahre nach der Abstimmung, in der das Volk der Aufnahme des Gleichstellungsartikels in die Bundesverfassung zugestimmt hatte. Trotz Einschüchterungsversuchen beteiligten sich unerwartet viele Frauen und auch Männer. Streikverbote wurden vielerorts durch Aktionen wie überlange Pausen, Aushängen von Transparenten, Tragen des Streikbuttons oder demonstratives Nichtstun umgangen. Das Repertoire an Protestaktionen war gross: Frauen legten vereinzelt kurzzeitig die Arbeit nieder, sammelten sich am Arbeitsplatz, auf der Strasse, in Parks, auf öffentlichen Plätzen, vor Fabriken, Ladengeschäften und Unternehmen. Es gab Demonstrationen, Sit-ins, Strassentheater, gemeinsame Mittagessen, Unterschriftensammlungen, Picknicks, Standaktionen und Stadtrundgänge. Demonstrantinnen verteilten Flugblätter, trugen Transparente durch die Strassen, machten Musik und tanzten. An Verkäuferinnen wurden Kaffee und Kuchen oder Blumen verteilt, nicht nur von den streikenden Frauen, sondern auch von Arbeitgebern.

Umbenennung von Strassenschildern und Strassentheater während des Frauenstreiks in Freiburg und Lausanne, 14. Juni 1991 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualité suisse Lausanne, LM-179529.9 und LM-179534.59).
Umbenennung von Strassenschildern und Strassentheater während des Frauenstreiks in Freiburg und Lausanne, 14. Juni 1991 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualité suisse Lausanne, LM-179529.9 und LM-179534.59). […]

Die Streikenden forderten die Umsetzung des Gleichstellungsartikels der Bundesverfassung zur Lohngleichheit, die gleiche Ausbildung für Frauen, die Bekämpfung der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz, die Gleichstellung in der sozialen Sicherheit, mehr Krippenplätze, Blockzeiten in den Schulen, die Aufteilung der Hausarbeit zwischen Mann und Frau. Ausserdem verlangten sie ein Ende der sexuellen Gewalt, der sexistischen Werbung und der Pornografie sowie effektive Massnahmen gegen Vergewaltigungen und Gewalt in der Ehe.

Das mediale Echo war gross, national und international, doch nicht frei von Ambivalenzen. Einerseits war die allgemeine Erleichterung darüber, dass der Frauenstreik kein neuer Generalstreik war, spürbar; andererseits fanden sich in den Medien kaum fundierte Analysen über die ungleiche Geschlechterordnung als Ursache des Streiks. Die Berichterstattung tendierte zur Entpolitisierung des Streiks, indem sie sich auf seine festlichen Erscheinungsformen konzentrierte – die Neue Zürcher Zeitung verniedlichte den Streik beispielsweise zum "lila Strauss von Happenings" – und gleichzeitig die Forderungen der Frauen ausblendete. Ausserdem räumte sie den Männern, die demonstrativ Essen kochten oder Hemden bügelten, viel Platz ein.

Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens vom 14. Juni 1991 (Schweizer Radio und Fernsehen, Zürich, Play SRF).
Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens vom 14. Juni 1991 (Schweizer Radio und Fernsehen, Zürich, Play SRF). […]
Bericht zum Frauenstreik in der Spätausgabe des Téléjournals der Radio Télévision Suisse vom 14. Juni 1991 (Radio Télévision Suisse, Genf, Play RTS).
Bericht zum Frauenstreik in der Spätausgabe des Téléjournals der Radio Télévision Suisse vom 14. Juni 1991 (Radio Télévision Suisse, Genf, Play RTS). […]
Bericht zum Frauenstreik in der Hauptausgabe des Telegiornale der Radiotelevisione svizzera vom 14. Juni 1991 (Radiotelevisione svizzera, Lugano, Play RSI).
Bericht zum Frauenstreik in der Hauptausgabe des Telegiornale der Radiotelevisione svizzera vom 14. Juni 1991 (Radiotelevisione svizzera, Lugano, Play RSI). […]

Auswirkungen

Der Frauenstreik, der mit seiner festlichen, ausseralltäglichen und gemeinschaftsbildenden Dimension an vorgewerkschaftliche Streiktraditionen anknüpfte, erreichte sein Hauptziel, das Sichtbarmachen der oft unter- und unbezahlten weiblichen Arbeit (Frauenerwerbsarbeit, Hausarbeit). Ohne ihn wäre die Protestbewegung bei der Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat 1993 nicht denkbar gewesen. Andere langfristige Erfolge zeigten sich bei der Verabschiedung des Gleichstellungsgesetzes 1995, der Einführung der Fristenlösung 2002 (Abtreibung) und der Institutionalisierung einer Mutterschaftsversicherung 2005 (für die seit 1945 ein Verfassungsauftrag bestand). Doch die Angleichung der Löhne wurde nicht erfüllt, auch wenn einzelne Unternehmen wie zum Beispiel das Maschinenbauunternehmen Dixi in Le Locle unter dem unmittelbaren Eindruck des Protests entsprechende Massnahmen einleiteten. Die Lohngleichheit bildete denn auch ein zentrales Postulat im Forderungskatalog des 2. Frauenstreiks vom 14. Juni 2019.

Happenings und Proteste während des Frauenstreiks in Bern, 14. Juni 1991 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualité suisse Lausanne, LM-179535.20 und LM-179535.9).
Happenings und Proteste während des Frauenstreiks in Bern, 14. Juni 1991 (Schweizerisches Nationalmuseum, Zürich, Actualité suisse Lausanne, LM-179535.20 und LM-179535.9). […]

Quellen und Literatur

  • Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich, Sachdokumentation: Sammlung Dokumente zum Frauenstreik 1991, SozArch QS 04.6 C *Str, 1991: Frauenbewegung in der Schweiz: Frauenstreiktag: 14. Juni. Dossier online, Teil 1 und Teil 2 , konsultiert am 29.5 2019.
  • Journal de Genève, 14.6.1991.
  • Neue Zürcher Zeitung, 15.6.1991.
  • Gaillard, Ursula et al.: Mieux qu'un rêve, une grève! La grève des femmes du 14 juin 1991 en Suisse, 1991.
  • Sergi Hofmann, Lorenza (Hg.): Se le donne vogliono tutto si ferma. Riflessioni e testimonianze, 1991 (in Zusammenarbeit mit dem Gruppo d'azione 14 giugno).
  • Wicki, Maja (Hg.): Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen. Der Frauenstreiktag vom 14. Juni 1991, 1991, S. 45-51.
  • Medienfrauen der SJU und des SSM (Hg.): Der Frauenstreik in den Medien, 1992.
  • Schöpf, Elfie: Frauenstreik. Ein Anfang... . Hintergrund, Porträts, Interviews, 1992.
  • Koller, Christian: Streikkultur. Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860-1950), 2009.
  • Hermann, Katharina: "Weiber auf den Geleisen. Frauen im Landesstreik", in: Rossfeld, Roman; Koller, Christian; Studer, Brigitte (Hg.): Der Landesstreik. Die Schweiz im November 1918, 2018, S. 217-240.
  • Studer, Brigitte: "Frauen im Streik", in: NZZ Geschichte, Nr. 21, 2019, S. 56-67.