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Jean-LouisMicheli

16.12.1812 Genf, 30.3.1875 Genf, reformiert, von Genf. Publizist und Übersetzer von deutschen und englischen Schriften.

Jean-Louis Micheli in seiner Bibliothek. Ölporträt von Samson Albert Darier, um 1870 (Privatsammlung).
Jean-Louis Micheli in seiner Bibliothek. Ölporträt von Samson Albert Darier, um 1870 (Privatsammlung). […]

Jean-Louis Micheli war der Sohn des François-Jules Micheli, Mitglieds des Genfer Repräsentierenden Rats, und der Anne Louise Marguerite geborene Labat. Er gehörte jenem Zweig der wohlhabenden Familie an, der über Generationen die Herrschaft Jussy innehatte und dort das Schloss Le Crest besass. Sein Grossvater war Jean-Louis Micheli du Crest. Micheli besuchte ab 1824 das Gymnasium in Genf. Nach dem Vorstudium an der Genfer Akademie studierte er ab 1831 Rechtswissenschaften, gehörte der Studentenverbindung Zofingia an, schloss 1835 mit der Dissertation La tutelle des enfants naturels ab und erwarb das Anwaltspatent. 1836 bereiste er Deutschland und studierte an der Universität Jena während eines Semesters Literatur. 1837-1838 hielt er sich in Paris auf, danach in Grossbritannien, wo er Spitäler und Gefängnisse besuchte. Bis Anfang der 1840er Jahre verbrachte er mehrere krankheitsbedingte Kuraufenthalte in Montreux und Rom. 1842 heiratete er Pauline Marguerite Revilliod von Cologny, mit der er drei Kinder hatte. Sie lebten jeweils im Winter in der Stadt Genf und im Sommer im Schlossgut in Jussy.

1842 wurde Micheli Gemeindepräsident von Jussy, ein Amt, das er bis 1865 ausübte. Daneben war er ab 1842 während ca. 20 Jahren als Primarschuldirektor in Genf tätig. Als Mitglied der Regierungstruppen stand er 1846 gegen Aufständische in Genf im Einsatz. Nach dem Sturz der Restaurationsregierung sass er 1846-1848 als Konservativer und Vertreter der unterlegenen Minderheit im Genfer Grossen Rat. Micheli engagierte sich in mehreren Sozietäten, für die er Berichte und Kommentare verfasste: Er war ab 1845 Mitglied der Société biblique und 1851-1875 Mitglied der philanthropischen Société genevoise des publications religieuses (SGPR). Letztere wurde grösstenteils von konservativen Pfarrern und Anwälten geleitet. Sie galt als Bastion des alten intellektuellen, protestantischen Genfs und stand in Opposition zum Radikalismus von James Fazy. Micheli wirkte als Mitherausgeber bzw. 1860-1864 als Mitredaktor der Semaine religieuse, dem Gesellschaftsorgan der SGPR. Die vermutlich auf Initiative der Compagnie des pasteurs entstandene Wochenschrift war antikatholischer Tendenz.

Erste und dritte Seite eines Briefs von Jean-Louis Micheli an Albert Bitzius vom 1. September 1853 (Burgerbibliothek Bern, N Jeremias Gotthelf 25.5 [27]).
Erste und dritte Seite eines Briefs von Jean-Louis Micheli an Albert Bitzius vom 1. September 1853 (Burgerbibliothek Bern, N Jeremias Gotthelf 25.5 [27]). […]

Als Student schrieb Jean-Louis Micheli für das von Kommilitonen herausgegebene Album littéraire. Später betätigte er sich als Journalist und Literaturkritiker sowie als Übersetzer von Schriften, die zuvor etwa in den Etrennes religieuses oder bei der Société biblique erschienen waren. Ab 1853 übersetzte er aus dem Deutschen und Englischen (u.a. 1856 ein Werk von John S.C. Abbot und 1857 eines von Johann A. Miertsching). Zudem veröffentlichte er Biografien (z.B. Isaac Newton, 1861) und mehrere, englischer Prosaliteratur nachempfundene Erzählungen (z.B. Tom, le jeune épicier, 1864; Catherine Rollier, 1866). Beiträge verfasste er für die Bibliothèque universelle und das Journal de Genève. Seine französische Übersetzung Le tour de Jacob le compagnon, des Romans Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz (1846/1847) von Jeremias Gotthelf, die 1854 erschien, blieb Michelis einzige Übersetzung aus dem Werk des Emmentaler Pfarrers Albert Bitzius; sie war von der SGPR unterstützt worden.

Quellen und Literatur

  • Micheli, Jean-Louis: Notes généalogiques sur la famille Micheli (rédigées de 1851 à 1867), o.J. (Archives d'Etat de Genève, Genf, Collection des manuscrits historiques, Ms hist. 253).
  • Micheli, Jean-Louis: Les amies des pauvres, de Hambourg, ou exercice chrétien de la bienfaisance, 1844.
  • Micheli, Jean-Louis: Récits du dimanche, 1875 (zehn Erzählungen).
  • Bibliothèque de Genève, Genf, Département des manuscrits et des archives privées (Korrespondenz).
  • Burgerbibliothek Bern, Bern, Nachlass Jeremias Gotthelf, Brief von Jean-Louis Micheli an Albert Bitzius vom 1.9.1853, N Jeremias Gotthelf 25.5 (27).
  • Naville, Ernest: Souvenir de Jean-Louis Micheli, 1812-1875, 1877.
  • Stelling-Michaud, Suzanne (Hg.): Le livre du Recteur de l’Académie de Genève (1559-1878), Bd. 4, 1975, S. 540.
  • Loup-Micheli, Marie-Claude: Le Crest et les Micheli, 1637-1987, 1987.
  • Maggetti, Daniel: L’invention de la littérature romande, 1830-1910, 1995.
  • Pitteloud, Jean-François: «Bons» livres et «mauvais» lecteurs. Politiques de promotion de la lecture populaire à Genève, au XIXe siècle, 1998 (Mémoires et documents publiés par la Société d’histoire et d’archéologie de Genève, 59).
  • Derron, Marianne: «"Vos ouvrages, Monsieur, sont ce qu’il […] faut". Wie die Romandie Jeremias Gotthelf entdeckte», in: Derron, Marianne; Zimmermann, Christian von (Hg.): Jeremias Gotthelf. Neue Studien, 2014, S. 53-74.
Weblinks
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Kurzinformationen
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 16.12.1812 ✝︎ 30.3.1875

Zitiervorschlag

Derron, Marianne: "Micheli, Jean-Louis", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 08.04.2020. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/058877/2020-04-08/, konsultiert am 29.11.2020.