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JrenäusGersdorf

1809 Monstab bei Altenburg (Thüringen), 1860 Altenburg, evangelisch-lutherisch, aus dem Herzogtum Sachsen-Altenburg. Bibliothekar, Förderer der Volksliteratur.

Jrenäus Gersdorf war der Sohn von Christoph Gotthelf Gersdorf, Pfarrer im thüringischen Tautendorf, und Concordia Wilhelmina (oder Wilhelmine) geborene Rüdel. Sein Bruder Ernst Gotthelf Gersdorf leitete die bedeutende Universitätsbibliothek Leipzig. Jrenäus Gersdorf studierte 1831-1834 Theologie in Leipzig und wurde 1835 Erzieher der Herzogstöchter von Sachsen-Altenburg. Ab 1844 war er Bibliothekar in der Bürgerbibliothek von Altenburg, von 1849 bis zu seinem Tod Unterbibliothekar der herzoglichen Landesbibliothek.

Erste und letzte Seite des Briefes von Jrenäus Gersdorf an Albert Bitzius vom 14. März 1846 (Burgerbibliothek Bern, N Jeremias Gotthelf 25.3 [31]).
Erste und letzte Seite des Briefes von Jrenäus Gersdorf an Albert Bitzius vom 14. März 1846 (Burgerbibliothek Bern, N Jeremias Gotthelf 25.3 [31]). […]

1845 gründete er zusammen mit Otto Ruppius, Heinrich Wilhelm Löst, Ferdinand Schmidt und Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg den Verein zur Hebung und Förderung der norddeutschen Volksliteratur, der jedoch nur bis 1848 Bestand hatte. Gersdorf trat im September 1843 mit Albert Bitzius bzw. Jeremias Gotthelf brieflich in Kontakt, den er kurz zuvor in seiner Studie Das Volksschriftenwesen der Gegenwart als idealen Volksschriftsteller beschrieben hatte. Darin hatte er auch ein Konzept für eine deutschsprachige Volksschriften-Zeitschrift vorgestellt, für die er Bitzius als Mitarbeiter gewinnen wollte. Dieser lehnte ab, äusserte sich aber in den wenigen, dafür umso längeren Briefen an Gersdorf mehrfach zu poetologischen Aspekten seiner Volksschriftstellerei. Durch Gersdorfs 1843 veröffentlichte Studie wurde wohl Gotthilf Ferdinand Döhner, Kirchenrat und Gründer des Zwickauer Vereins zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften, auf Bitzius aufmerksam. Döhner bat diesen im Oktober 1843 um eine Erzählung für den Verein, die 1846 unter dem Titel Jacobs, des Handwerksgesellen, Wanderungen durch die Schweiz erschien. Im selben Jahr brach der Kontakt zwischen Gersdorf und Bitzius wegen Unstimmigkeiten ab; Ruppius hatte für den norddeutschen Verein an einer deutschen Fassung von Wie Uli der Knecht glücklich wird (1841) gearbeitet, ohne dies mit Bitzius abzusprechen, der bereits mit dem Berliner Verleger Julius Springer ein ähnliches Vorhaben vereinbart hatte.

Weil der norddeutsche Verein rasch einging, hatte Gersdorf nach 1843 für das Volksschriftenwesen keine Bedeutung mehr. Der Zwickauer Verein hingegen, der entsprechend seinen Statuten bis in die 1860er Jahre hinein im «Volkston abgefasste Lektüre» für die «unteren und ärmeren Volksklassen» verlegte und zu günstigen Preisen vertrieb, wurde für das Volksschriftenwesen in der Schweiz zum Vorbild. Nach dessen Verteilsystem wollte man auch die Schweizer Landbevölkerung mit aufklärenden Volksschriften versorgen. Die dazu notwendigen institutionellen Strukturen bildeten sich freilich erst 1890.

Quellen und Literatur

  • Gersdorf, Jrenäus: Das Volksschriftenwesen der Gegenwart. Mit besonderer Beziehung auf den Verein zur Verbreitung guter und wohlfeiler Volksschriften zu Zwickau, 1843.
  • Gersdorf, Jrenäus; Ruppius, Otto (Hg.): Organ für das gesammte deutsche Volksschriftenwesen, 1845-1846.
  • Knoche, Michael: Volksliteratur und Volksschriftenvereine im Vormärz. Literaturtheoretische und institutionelle Aspekte einer literarischen Bewegung, 1986.
  • Schütze, Sylvia: «Gersdorf, Irenäus», in: Diesterweg, Friedrich Adolph Wilhelm: Sämtliche Werke, Abt. II, Bd. 24: Briefe, amtliche Schreiben und Lebensdokumente aus den Jahren 1832 bis 1847, hg. von Heinemann, Manfred; Schütze, Sylvia, 2014, S. 789.
  • Reiling, Jesko: «"mächtige Werkzeuge für bessere Gesittung und Bildung des Volkes". Schweizerische Vereine des 19. Jahrhunderts und ihre Bemühungen zur Förderung der Volksliteratur», in: Böning, Holger: Volksaufklärung ohne Ende? Vom Fortwirken der Aufklärung im 19. Jahrhundert, 2018, S. 155-168.
Kurzinformationen
Variante(n)
Irenäus Gersdorf
Lebensdaten ∗︎ 1809 ✝︎ 1860