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Transithandel

Einheimische Arbeitende füllen auf dem Betriebshof der Missions-Handlungs-Gesellschaft in Accra in Anwesenheit des Kaufmanns Hugo Hafermalz Kakao in Säcke ab. Fotografie, um 1904 (Basel Mission Archives / mission 21, QU-30.003.0137).
Einheimische Arbeitende füllen auf dem Betriebshof der Missions-Handlungs-Gesellschaft in Accra in Anwesenheit des Kaufmanns Hugo Hafermalz Kakao in Säcke ab. Fotografie, um 1904 (Basel Mission Archives / mission 21, QU-30.003.0137).

Transithandel ist internationaler Zwischenhandel. Ein Transithändler (Transiteur) hat seinen Sitz weder im Land, aus dem die Ware exportiert wird, noch im Land, in das sie importiert wird, sondern in einem Drittstaat, von wo aus er das Geschäft organisiert. Der Transithändler wickelt also Export- und Importgeschäfte zwischen Ländern ausserhalb des eigenen Wirtschaftsgebiets ab. Aus Sicht des Staates, in dem eine Transithandelsfirma ihren Sitz hat, handelt es sich um eine spezielle Kategorie des Aussenhandels (Exportwirtschaft, Aussenwirtschaft), nämlich um Dienstleistungsexport (Dienstleistungssektor). Weltwirtschaftlich betrachtet, wirkt der Transithandel als «Transmission der Vorteile nationaler Spezialisierung und internationaler Arbeitsteilung» (Emil Michael Bammatter). Ein Transithändler profitiert von globalen Unterschieden. Er überblickt die weltweite Produktion und verschiebt Waren von den Orten der Produktion an die Orte der Nachfrage.

Beim direkten Transithandel (auch ungebrochener Transithandel oder Streckengeschäft genannt) gelangen die Waren nicht in das Land, in dem die Transithandelsfirma ihren Sitz hat. Beim indirekten Transithandel (auch gebrochener Transithandel oder Lagergeschäft genannt) kommen die Waren zwar physisch ins Inland, sie werden aber nicht verzollt, sondern in einem Zollfreilager oder Freihafen zwischengelagert, allenfalls bearbeitet (gereinigt, sortiert, gemischt) oder umetikettiert und anschliessend im Ausland wieder verkauft.  

Vom allgemeinen Zwischenhandel respektive Welthandel unterscheidet sich der Transithandel durch den Beobachtungsrahmen: Transithandelsgeschäfte beziehen sich immer auf die Nation, in der ein Transithändler seinen steuerrechtlichen Sitz hat. Sie wurden, im Unterschied zum Import-Exporthandel, bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den nationalen Handelsstatistiken nicht abgebildet und zogen deshalb nur ausnahmsweise die Aufmerksamkeit der wirtschaftshistorischen Forschung auf sich. Das Domizilland kann für die Transithändler neutralitätspolitisch relevant sein, und es ist insbesondere für die Geldströme von Bedeutung (Finanzplatz). Transithandelsfirmen sind auf einen reibungslosen internationalen Zahlungsverkehr angewiesen, sie brauchen den Support von Banken, Finanzexperten und Wirtschaftsjuristen, sie möchten Gewinne am Ende in eine sichere Währung (Geld- und Währungspolitik) konvertieren und keine hohen Gewinn- und Kapitalsteuern zahlen (Steuern). Da sich Handelsfirmen im Gegensatz zur Industrie nicht auf Patente (Geistiges Eigentum), Markenrechte oder Produktionsstandortvorteile stützen können und ihre ausländische Konkurrenz mit den gleichen Waren handelt, liegen hier – in den aussenwirtschafts-, finanz- und steuerpolitischen Rahmenbedingungen – zu einem grossen Teil ihre Vorteile im Wettbewerb

Die Schweiz gehört seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den grossen Transithandelsnationen der Welt. Der weitaus bedeutendste Teil des Schweizer Transithandels ist direkter Transithandel, d.h. die gehandelten Waren –  in der Regel Rohstoffe – werden nicht über Schweizer Territorium geführt, über die Schweiz laufen nur die Finanzströme. Mit dem Zuzug ausländischer Firmen wuchs der Transithandel ab den 1960er Jahren und vor allem nach der Jahrtausendwende nochmals markant. Zu Beginn der 2020er Jahre lief schätzungsweise ein Fünftel bis ein Viertel des globalen Rohstoffhandels über die Schweiz. Eine im Auftrag des Bundesamts für Umwelt durchgeführte Pilotstudie berechnete für das Jahr 2017 für 15 Rohstoffe gar einen Anteil von 42%.

Aussenhandel im frühneuzeitlichen Europa

Schon die vormoderne Schweiz war stark in grenzüberschreitende Handelsbeziehungen eingebunden. Die eidgenössischen Orte importierten Getreide (Kornpolitik) sowie Salz und exportierten Käse und Vieh. Wichtig für die Aussenhandelsintegration der Eidgenossenschaft waren die Einfuhr von Rohstoffen bzw. die Ausfuhr von Produkten (Seide, Baumwolle, Uhren usw.) der Protoindustrie. Früh entwickelte sich auch der Dienstleistungsexport: Schweizer Militärunternehmer vermittelten Truppenkontingente an ausländische Kriegsherren (Fremde Dienste), und reich gewordene Unternehmer, Privatbankiers sowie Regierungen der eidgenössischen Orte (z.B. Bern, Freiburg, Solothurn, Zürich und Schaffhausen) legten Kapital im Ausland an und zogen Zins daraus (Kapitalverkehr).  

Auch der Handel bot eine Möglichkeit, Geld gewinnbringend anzulegen. Seit dem Ewigen Frieden mit Frankreich von 1516 waren Schweizer Kaufleute in Frankreich von jeder Neuerung der Zölle befreit, und bis Ende des 18. Jahrhunderts legten sie diese Klausel im Sinne einer vollständigen Zoll- und Steuerfreiheit aus. Eidgenössische Söldner und Kaufleute waren in Frankreich ausserdem vom Droit d’aubaine ausgenommen, das dem König erlaubte, die Güter verstorbener Fremder auf seinem Territorium zu konfiszieren. Mit solchen Privilegien ausgestattet, handelten sie in der frühen Neuzeit via Frankreich mit Spanien und dessen gesamten Kolonialreich (Kolonialismus). 

Als im späten 17. Jahrhundert der atlantische Dreieckshandel – in mancherlei Hinsicht eine Vorform des modernen Transithandels (Überseehandel) – aufkam, beteiligten sich Schweizer Kaufleute und Investoren wie andere europäische Unternehmer daran. Viele Schweizer gründeten im 17. und 18. Jahrhundert Niederlassungen in den französischen Hafenstädten, investierten in die Ausrüstung von Sklavenschiffen (Sklaverei) oder schickten eigene Schiffe auf den Weg. Der gleichnamige Sohn des Basler Kaufmanns Christoph Burckhardt gründete beispielsweise in der bretonischen Hafenstadt Nantes die Handelsfirma Bourcard Fils & Cie., die mit Baumwolle, Kaffee und anderen Kolonialprodukten handelte.

Schweizer Welthandelsfirmen

Die Industrialisierung und die Integration der globalen Märkte (Globalisierung) intensivierten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Neue Transportmittel (Eisenbahnen, Dampfschiffe) und Kommunikationstechnologien (Telegraf), die aufkommenden Geschäftsbanken sowie der sich durchsetzende Goldstandard machten es erstmals möglich, im grossen Stil Waren aus fernen Ländern in die Industrieländer zu verschieben. Gleichzeitig konnten Handelsfirmen ihre Risiken senken, indem sie ihre Geschäfte auf dem Kassamarkt (Effektivmarkt) mit Geschäften an den neuen Warenterminbörsen ausglichen, bei denen unabhängig von der zukünftigen Marktentwicklung ein zum Zeitpunkt des Geschäftsabschlusses festgelegter Preis bezahlt wurde (Futures). Bauern in Indien oder in der Goldküste (Ghana), die zuvor für lokale Märkte produziert hatten, wurden nun in die Weltwirtschaft integriert; der Welthandel nahm um ein Vielfaches zu. Damit wuchs auch die Nachfrage nach Handelsdienstleistungen. Gerade Klein- und Mittelbetriebe, die Industriegüter fertigten, waren oft zu klein, um eigene Abteilungen für den Direkteinkauf der Rohstoffe oder den Absatz ihrer Produkte zu unterhalten. Zu den grossen Schweizer Welthandelsfirmen, die damals ihr europäisches Geschäft nach Übersee ausweiteten oder neu entstanden, gehörten das Basler Wollhandelshaus Simonius, Vischer & Co. (1719 unter dem Namen Fürstenberger erstmals erwähnt), die Basler Handelsgesellschaft (gegründet 1859 als Missions-Handlungs-Gesellschaft), die Winterthurer Firma Gebrüder Volkart (1851), das bis heute tätige Handelshaus Paul Reinhart & Cie. (gegründet 1788 in Winterthur als Geilinger & Blum, Paul Reinhart), die Lausanner Getreidehandelsfirma André (1877 in Nyon gegründet), das Seidenhandelshaus Sulzer Frizzoni (gegründet 1889, ab 1928 Charles Rudolph & Co., ab 1950 Desco von Schulthess) sowie die auf asiatische Märkte spezialisierten Unternehmen Diethelm & Co. (1887), Ed. A. Keller (ebenfalls 1887) und Siber Hegner (gegründet 1865 als Siber & Brennwald), die heute in der Holding DKSH zusammengefasst sind. 

Rohseide bei der Verschiffung in Yokohama und beim Entladen des Frachtschiffs in Genua. Fotografien aus Erinnerungsalben der Firma Desco, links zwischen 1920 und 1940, rechts vom 10. März 1954 (Zentralbibliothek Zürich, Hs AR l: 50, Nr. 22 und HS AR I: 57, Nr. 47 ).
Rohseide bei der Verschiffung in Yokohama und beim Entladen des Frachtschiffs in Genua. Fotografien aus Erinnerungsalben der Firma Desco, links zwischen 1920 und 1940, rechts vom 10. März 1954 (Zentralbibliothek Zürich, Hs AR l: 50, Nr. 22 und HS AR I: 57, Nr. 47 ).

Diese Firmen setzten nicht mehr auf die Sklavenwirtschaft, sondern auf Cash Crops, also auf landwirtschaftliche Produkte, die für den Verkauf auf dem Weltmarkt angebaut wurden. Sie spezialisierten sich in der Regel auf bestimmte Weltregionen und auf bestimmte Rohstoffe wie Baumwolle, Getreide, Kakao oder Seide. Sie arbeiteten mitunter auch im Auftrag der Schweizer Industrie, waren aber meist unabhängig von dieser entstanden und dienten nicht als ihr verlängerter Arm im Ausland. Im Gegensatz zu den Handelsdynastien des 18. Jahrhunderts kauften sie nicht mehr ausschliesslich bei Zwischenhändlern in den grossen Hafenstädten ein, sondern bauten ein eigenes Netz von Zweigniederlassungen, Einkaufsagenturen im Hinterland und Verkaufsagenturen in den Absatzländern auf. Dennoch kontrollierten sie nie die ganze Handelskette. Volkart beispielsweise erwarb Baumwolle in Indien praktisch nie direkt von den Pflanzern, sondern von lokalen Mittelsmännern, von denen viele gegenüber den Kleinbauern auch als Geldverleiher tätig waren.

Grosshandel mit Rohstoffen ist ein kapitalintensives Geschäft; bis ins späte 20. Jahrhundert mussten die Waren mit Eigenmitteln und Krediten vollständig vorfinanziert werden. Erst das Akkreditiv, ein Vertragsinstrument, das einen Risikoausgleich zwischen Käufer und Verkäufer herbeiführt, machte ab den 1970er Jahren Käufe ohne hohe Eigenmittel möglich. Dennoch kapitalisierten sich die meisten Transithändler nicht auf den Aktienmärkten, sondern hielten das Kapital im überschaubaren Kreis der Familie – als Einzelfirma, Kollektiv- oder Kommanditgesellschaft (Unternehmen). Das erlaubte es ihnen, eine für sie zentrale Ressource zu kontrollieren: die Information über ihr Geschäft.

Verladen von Kakaosäcken mit Brandungsbooten auf ein Frachtschiff in Accra. Fotografie links aus einer Bildserie der Union Trading Company International zum Kakaogeschäft an der Goldküste, Fotografie rechts vom Basler Missionar Eduard Wunderli, beide 1920er Jahre (Basel Mission Archives / mission 21, QU-30.003.0070 und E-30.82.007).
Verladen von Kakaosäcken mit Brandungsbooten auf ein Frachtschiff in Accra. Fotografie links aus einer Bildserie der Union Trading Company International zum Kakaogeschäft an der Goldküste, Fotografie rechts vom Basler Missionar Eduard Wunderli, beide 1920er Jahre (Basel Mission Archives / mission 21, QU-30.003.0070 und E-30.82.007). […]

Kriege und Kapitalverkehrskontrollen

Von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg wuchs der globale Handel und mit ihm auch der Schweizer Transithandel. Die meisten Unternehmen machten auch während des Ersten Weltkriegs solide Gewinne, weil die kriegsbedingte Verknappung des Angebots mit steigenden Preisen einherging. Dank ihrer Flexibilität konnten Transithandelsfirmen Verluste in einer Weltgegend ausserdem mit Gewinnen in einer anderen kompensieren; viele Unternehmen wurden erst damals zu wirklich globalen Akteuren. Davon profitierten sie auch in der Zwischenkriegszeit, als der Verflechtungsgrad der europäischen Volkswirtschaften im Vergleich zur Vorkriegszeit zurückging und der innereuropäische Handel abnahm, während etwa der Warenverkehr zwischen Asien und den USA stark anstieg. Selbst der Missions-Handlungs-Gesellschaft, deren Besitz in Afrika und Indien von den Briten zwischen 1916 und 1919 wegen Handels mit dem Feind sukzessive enteignet worden war, gelang in den 1920er Jahren ein Neuanfang: Sie gründete eine neue Betriebsgesellschaft für die Goldküste und wandelte sich später in eine von der Mission getrennte Holding um, die Basler Handelsgesellschaft (Basler Mission).

Ein namhaftes Problem bekamen die Schweizer Transithändler erst mit den neuen Kapitalverkehrskontrollen der 1930er Jahre. Im Herbst 1931 schloss die Schweiz zuerst mit Österreich und kurz darauf mit Ungarn Verrechnungsabkommen ab: Die Guthaben der Exporteure wurden fortan direkt mit den Schulden der Importeure verrechnet, so dass keine Devisen transferiert werden mussten. 1934 ging man mit dem nationalsozialistischen Deutschland – dem grössten Abnehmerstaat der Schweizer Transithändler – zum gebundenen Zahlungsverkehr über. Weitere Länder folgten. Da die Forderungen der Schweizer Transithändler gemäss Verrechnungsschlüssel im Clearing lange nicht bedient wurden, häuften sich bei ihnen grosse Auslandsguthaben an, für die keine Aussicht auf Tilgung bestand. Im Oktober 1934 gründeten sie deshalb den Verband Schweizerischer Transit- und Welthandelsfirmen (VSTW). 1935 gehörten diesem 71 Unternehmen an, nach Schätzungen etwa 90% aller in der Schweiz domizilierten Transithandelsfirmen. Erstmals in der Geschichte des Transithandels gingen seine Vertreter nun an die Öffentlichkeit, betrieben Lobbyarbeit beim Bund und machten durch das Veröffentlichen von Zahlen auf sich aufmerksam: Sie beauftragten den Wirtschaftshistoriker Fritz Mangold mit einer vertraulichen Enquête, deren Resultate 1935 publiziert wurden. Demnach lagen die Bruttoumsätze des Schweizer Transithandels in den Jahren 1923 bis 1928 bei 1,3 bis 1,4 Mrd. Franken jährlich und die Nettoerträge bei mindestens 40 Mio. Franken jährlich (von allen Dienstleistungsexporteuren erwirtschafteten nur die Banken im Ausland gleich viel wie der Transithandel). Einem derart bedeutenden Wirtschaftszweig musste die Politik schliesslich entgegenkommen. 

Der Rohstoffhandel verhält sich oft antizyklisch zur Konjunktur, so auch im Zweiten Weltkrieg. Eine Verknappung der Güter ging mit steigenden Preisen einher. Trotz Umsatzeinbruch konnten viele Firmen ihre Gewinne markant steigern. Der Gefahr, wegen Handels mit dem Feind auf die schwarzen Listen der Alliierten zu kommen, wurde nun gezielt vorgebeugt; etliche Firmen delegierten Verantwortung an ausländische Niederlassungen in New York oder London, die sie in selbstständige Tochtergesellschaften umwandelten. Siber Hegner beispielsweise amerikanisierte eine Tochterfirma in New York über einen Voting Trust, das heisst sie übertrug Firmenanteile und Stimmrecht vorübergehend auf einen in den USA domizilierten Treuhänder. Der Hauptsitz in der Schweiz zog sich aus dem operativen Geschäft zurück und wurde vorwiegend zur Holding, die an ihren ausländischen Tochterfirmen Beteiligungen hielt. Solche Konstrukte erlaubten eine Kontinuität der Kapitalkonzentration in der Schweiz und damit eine Steueroptimierung (Holdingprivileg) bei gleichzeitiger Flexibilisierung der Geschäftstätigkeit. 

Liberalisierung und Standortmarketing

Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten die Schweizer Transithändler, die ihre Gewinne im Ausland erwirtschafteten, von den neuen internationalen Organisationen, ohne sich jedoch an deren Embargos zu halten, da die Schweiz im Multilateralismus abseits stand; sie trat weder den Vereinten Nationen (UNO) noch den Bretton-Woods-Organisationen (Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung; Internationaler Währungsfonds, IWF) bei und nahm bis 1958 nicht am Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen Gatt (Welthandelsorganisation, WTO) teil. Die Einnahmen aus dem Schweizer Transithandel stiegen nach dem Krieg markant und glichen in der Leistungsbilanz zusammen mit anderen Dienstleistungsexporten (etwa aus dem Tourismus) das Aussenhandelsdefizit aus. 

Zentral war die Verfügbarkeit und Konvertierbarkeit von Devisen, wobei die Handelsfirmen die Kursrisiken bei mittel- und langfristigen Geschäften abzusichern versuchten. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) erklärte sich 1946 bereit, Dollars, die zum Erwerb von Transithandelswaren bei einer Schweizer Bank gekauft worden waren, bei der Liquidation der Waren gegen Vorweisen eines Rekonversionsscheins zum Tageskurs zurückzukaufen. Und die Bank of England gestattete amerikanischen und Schweizer Banken ab 1940, sogenannte Registered Accounts zu führen. Die Pfundguthaben solcher Konten durften nicht nur für Importe aus dem Sterlinggebiet verwendet, sondern auch in Dollars bzw. in Schweizer Franken konvertiert werden.

Um Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen und mit devisenschwachen Ländern überhaupt noch handeln zu können, tätigten die Firmen ausserdem zunehmend sogenannte «Dreiecksgeschäfte»: Statt mit Devisen wurde ein Exportgeschäft mit dem Import von Waren aus einem anderen Land abgegolten – je nachdem über mehrere Länder hinweg, bis der Kreis am Ende mit einer Zahlung oder einer Warenlieferung geschlossen werden konnte. In der Nachkriegszeit gewann auch das konzerninterne Clearing weiter an Bedeutung: Holdinggesellschaften rechneten interne Verbindlichkeiten zwischen Unternehmenseinheiten gegeneinander auf und sorgten damit für ein optimales Liquiditätsmanagement innerhalb des Gesamtkonzerns. Diese internen Verrechnungen leisteten der Gewinnverlagerung zur Steueroptimierung (Transfer Pricing) vermehrt Vorschub.

Der Hauptsitz der Firma Glencore am Rand der Zuger Gemeinde Baar. Fotografie aufgenommen am 7. Februar 2012, als die Fusion zwischen Glencore und Xstrata bekanntgegeben wurde (KEYSTONE / Sigi Tischler, Bild 133326085).
Der Hauptsitz der Firma Glencore am Rand der Zuger Gemeinde Baar. Fotografie aufgenommen am 7. Februar 2012, als die Fusion zwischen Glencore und Xstrata bekanntgegeben wurde (KEYSTONE / Sigi Tischler, Bild 133326085).

Ab 1950 erleichterte die Europäische Zahlungsunion den westeuropäischen Zahlungsverkehr. Sie war von den am Marshallplan beteiligten europäischen Ländern gegründet worden und auch die Schweiz nahm daran teil. Ziel war die allgemeine Konvertibilität der Währungen durch ein multilaterales Clearing; Einfuhrbeschränkungen fielen weitgehend weg. Für die Schweizer Transithändler wurde die Zahlungsunion insbesondere für die Rückführung von Gewinnen relevant. Als sich die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC; Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD) um eine Liberalisierung der Dienstleistungen (des «unsichtbaren» Verkehrs) bemühte, setzten sich Schweizer Spitzendiplomaten dafür ein, dass im Liberalisierungskodex eine Rubrik «Bénéfices découlant des opérations de transit» geschaffen wurde. Im Juli 1951 wurden Erträge aus dem Dienstleistungsexport innerhalb der Europäischen Zahlungsunion explizit von Restriktionen befreit. Die Schweizer Handelsfirmen machten von den Erleichterungen umgehend Gebrauch: Im Jahr 1951 wurden allein aus dem Sterlinggebiet 28 Mio. Franken in die Schweiz transferiert.

Ebenfalls in den 1950er Jahren begannen Schweizer Wirtschaftsjuristen und Verbände offensiv für den Standort Schweiz zu lobbyieren; die bürgerliche Elite hatte erkannt, dass der Zuzug ausländischer Firmen auf Bundes- und Kantonsebene Steuereinnahmen generierte und sich neue Geschäftsmöglichkeiten in den Bereichen Notariat, Private Banking, Wirtschaftsprüfung, Consulting und Steuerberatung ergaben. In der Folge liessen sich zahlreiche amerikanische Rohstoffholdings in der Schweiz nieder, wo sie von individuell ausgehandelten Steuerdeals profitierten. 1956 kam mit Philipp Brothers die damals weltweit grösste Handelsfirma für Erze und Metalle in den steuergünstigen Kanton Zug, der sich langfristig von einem Bauernstaat zum finanzstärksten Stand der Schweiz entwickeln sollte. Ebenfalls 1956 eröffnete der mächtige amerikanische Getreidehändler Cargill unter dem Namen Tradax einen Firmensitz in Genf. Zwischen 1959 und 1961 liessen sich dann rund 400 amerikanische multinationale Unternehmen in der Schweiz nieder, fast die Hälfte davon in der Genferseeregion, und tätigten von hier aus ihre Transithandelsgeschäfte. Später folgten Firmen wie die 1966 gegründete Vitol-Gruppe, die 1974 von Marc Rich, einem ehemaligen Philipp-Brothers-Trader gegründete Marc Rich + Co. AG (heute Glencore) oder das vom schwedischen Unternehmer Torbjörn Törnqvist mit dem russischen Oligarchen Gennadi Timtschenko 1997 gegründete Unternehmen Gunvor.  

Die steigende Bedeutung des Transithandels lässt sich an der Entwicklung des BIP-Anteils ablesen. 2006 überflügelt er erstmals den Tourismus, 2009 die grenzüberschreitenden Finanzdienste der Banken. Seither haben sich die Gesamteinnahmen mehr als verdoppelt. [Quelle: Datenportal der Schweizerischen Nationalbank, Aussenwirtschaft, Zahlungsbilanz der Schweiz, Leistungsbilanz. Die Zahlen zum Transithandel beruhen auf Schätzungen sowie auf der Selbstdeklaration der Firmen. Grafik: HLS]

Obwohl die Schweizerische Nationalbank ab 1947 eine Zahlungsbilanz erstellte und dafür auch die Einnahmen aus dem Dienstleistungsexport schätzte, blieb der Transithandel eine schwer zu fassende Wirtschaftsgrösse. 1953 gab der Verband schweizerischer Transit- und Welthandelsfirmen erneut eine Enquête in Auftrag, diesmal bei Emil Gsell, Professor an der Handelshochschule St. Gallen. Das Transparenzbedürfnis hatte aber abgenommen: Lediglich 48 Firmen füllten den Fragebogen aus. Gsell machte schliesslich keine Angaben zu deren Einkünften und erwähnte einzig deren Umsätze, die 1953 bei knapp 2 Mrd. lagen. Für den gesamten Transithandel schätzte Gsell diese auf 5 Mrd. Franken – also auf etwa gleich hoch wie diejenigen der gesamten Exportindustrie. Ab 2002 wuchs der Rohstoffhandelssektor exponentiell an; Grund dafür war vor allem der Zusammenbruch des Ostblocks. 2017 generierte der Sektor laut Angaben des Bundes Jahreseinnahmen von 25 Mrd. Franken; die Schweizerische Nationalbank berechnete für dasselbe Jahr Einnahmen von 40 Mrd. Franken. Der Grundlagenbericht Rohstoffe, den das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, das Eidgenössische Finanzdepartement und das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung 2013 gemeinsam herausgaben, unterstrich nicht nur die grosse Bedeutung des Rohstoffhandels für die schweizerische Nationalökonomie, sondern benannte auch die aus ihm resultierenden Probleme, die sich bezüglich der Menschenrechte, der Umweltsituation, der Korruptionsbekämpfung sowie des Phänomens des «Rohstoff-Fluchs» in Entwicklungsländern stelltenDie Schweiz war früh ein Globalisierungsakteur. Die lange Geschichte des Schweizer Transithandels zeugt von Kontinuitäten, aber auch von Brüchen: Die heutigen Global Player, die vom neutralen Kleinstaat aus internationale Geschäfte tätigen, haben nicht mehr viel gemeinsam mit den Transithandelsfirmen, die im 19. Jahrhundert entstanden sind. Wie damals ist die Branche aber noch heute kaum reguliert: Im Gegensatz zum Bankensektor fehlt eine «Rohstoffmarktaufsicht».

Fahnen der Kampagne für die Konzernverantwortungsinitiative. Montage mehrerer Fotografien, aufgenommen am 13. Oktober 2020 in Lausanne (KEYSTONE / Jean-Christophe Bott, Bild 429915063).
Fahnen der Kampagne für die Konzernverantwortungsinitiative. Montage mehrerer Fotografien, aufgenommen am 13. Oktober 2020 in Lausanne (KEYSTONE / Jean-Christophe Bott, Bild 429915063). […]

Quellen und Literatur

  • Mangold, Fritz: Der schweizerische Transithandel. Ergebnis einer Enquête, 1935.
  • Iselin, Isaak; Lüthy, Herbert; Schiess, Walter Sebastian: Der schweizerische Grosshandel in Geschichte und Gegenwart, 1943.
  • Bammatter, Emil Michael: Der schweizerische Transithandel. Eine Darstellung seiner Struktur und ein Überblick seiner Entwicklung in den Jahren 1934-1954, 1958.
  • Lichtenberg, Robert M.: The Role of Middleman Transactions in World Trade, 1959.
  • Guex, Sébastien: «The development of swiss trading companies in the twentieth century», in: Jones, Geoffrey (Hg.): The Multinational Traders, 1998, S. 150-172.
  • Franc, Andrea: Wie die Schweiz zur Schokolade kam. Der Kakaohandel der Basler Handelsgesellschaft mit der Kolonie Goldküste (1893-1960), 2008.
  • Erklärung von Bern (Hg.): Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz, 2011.
  • Zangger, Andreas: Koloniale Schweiz. Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860-1930), 2011.
  • Dejung, Christof: Die Fäden des globalen Marktes. Eine Sozial- und Kulturgeschichte des Welthandels am Beispiel der Handelsfirma Gebrüder Volkart 1851-1999, 2013.
  • Eidgenössisches Departement für Auswärtige Angelegenheiten; Eidgenössisches Finanzdepartement; Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (Hg.): Grundlagenbericht Rohstoffe. Bericht der interdepartementalen Plattform Rohstoffe an den Bundesrat, 2013.
  • Leimgruber, Matthieu: «Kansas City on Lake Geneva». Business hubs, tax evasion, and international connections around 1960», in: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, 60/2, 2015, S. 123-140.
  • Haller, Lea: Transithandel. Geld und Warenströme im globalen Kapitalismus, 2019.
Weblinks

Zitiervorschlag

Lea Haller: "Transithandel", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 05.07.2023. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/060451/2023-07-05/, konsultiert am 22.05.2024.