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PetronellaD'Acierno

16.4.1877 Borno (Val Camonica) oder Zürich,12.4.1962 Heiden, Bürgerort unbekannt, amtlich aus Borno, ab 1898 aus Monteforte Irpino. Heilpraktikerin.

Petronella D'Acierno (sitzend rechts aussen) auf einem Gruppenbild mit Kurgästen der Pension Turm in Heiden, die für den Pagliano-Sirup werben, um 1940 (Privatsammlung).
Petronella D'Acierno (sitzend rechts aussen) auf einem Gruppenbild mit Kurgästen der Pension Turm in Heiden, die für den Pagliano-Sirup werben, um 1940 (Privatsammlung).

Kindheit und Jugend von Petronella liegen weitgehend im Dunkeln. In den amtlichen Unterlagen wird sie als Tochter des Mosé Mabellini und der Schweizerin Maria Elisabetha Wydler geführt. Gemäss Familienüberlieferung war Mabellini ihr Stiefvater. Petronella soll ab dem schulpflichtigen Alter bei einer Tante in Lissabon aufgewachsen sein. Als Jugendliche habe sie eine Zeit lang in Abessinien gelebt und dort heilkundliche Kenntnisse erworben. 1897 kam sie mit ihrem Verlobten Vincenzo Antonio Martino D'Acierno aus der Gegend von Neapel nach Zürich. Die Heirat erfolgte 1898. Sieben von neun bis 1916 in der Schweiz geborene Kinder überlebten das Kindheitsalter. Sie sorgte allein für deren Unterhalt, nachdem ihr Mann 1905 nach Italien zurückgekehrt war.

Etiketten für Flaschen aus dem Arzneimittel-Sortiment von Petronella D’Acierno, das im Versandhaus von Irma Sonderegger-D'Acierno in Heiden angeboten wurde; Masse Eisen-Tonikum 8,9 x 15,1 cm (Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Herisau, D.042-65-270).
Etiketten für Flaschen aus dem Arzneimittel-Sortiment von Petronella D’Acierno, das im Versandhaus von Irma Sonderegger-D'Acierno in Heiden angeboten wurde; Masse Eisen-Tonikum 8,9 x 15,1 cm (Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Herisau, D.042-65-270).

Petronella D’Acierno arbeitete als Haushaltshilfe, unter anderem beim schwerkranken Robert Burrus, dem Gründer und ersten Direktor der Zigarettenfabrik Turmac in Zürich-Seebach. Die Erzählung seiner wundersamen Heilung dank ihrer Unterstützung begründete ihren Ruf als Heilpraktikerin und «Wunderdoktorin». Nunmehr als Hilfsarbeiterin in der Zigarettenfabrik tätig, las sie nach Feierabend Hände und erteilte Ratschläge. Bald empfing sie Patientinnen und Patienten bei sich zuhause. Zur Reinigung des Körpers verschrieb D’Acierno den Pagliano-Sirup, ein radikales Abführmittel, das ihr zum Spitznamen «Pagliano-Tante» verhalf. Ein Apotheker aus Oerlikon belieferte sie mit diesem Mittel, das 1838 von Girolamo Pagliano in Florenz kreiert und von dessen Neffen in Barcelona produziert wurde. Zwischen 1919 und 1922 versuchte sie sich mittels technischer Erfindungen ein Standbein aufzubauen. Sie beantragte sechs Patente, darunter eines für ein Krankenbett und für eine Matratze mit Verstelleinrichtung für Wundkranke.

Gruppenbild vor dem Gasthaus Pension Neubad in Heiden, 1926 (Museum Herisau).
Gruppenbild vor dem Gasthaus Pension Neubad in Heiden, 1926 (Museum Herisau). […]

1926 wurde ihr im Kanton Zürich die Ausübung ihrer Heiltätigkeit untersagt. Sie übersiedelte mit ihren Kindern von Zürich-Seebach in die Pension Neubad in Heiden, was ein grosses Medienecho auslöste, und baute in kurzer Zeit ein Familienunternehmen auf. In Appenzell Ausserrhoden war es ab 1871 möglich, ohne Bewilligung eine ärztliche Praxis zu führen und Heilmittel zu vertreiben, weshalb der Kanton als Eldorado für Wunderdoktoren (Volksmedizin) galt. D'Acierno erwarb 1930 die Pension Turm mit 40 Fremdenzimmern im Dorfzentrum von Heiden und verlegte 1933 auch ihren offiziellen Wohnsitz dorthin. Ihre zahlreiche Kundschaft half mit, den Gesundheitstourismus im ehemaligen Molkenkurort Heiden wiederzubeleben. Neben der Pagliano-Kur und dem Handlesen bot der Familienbetrieb seiner Kundschaft auch Massagen, Wickel, Schröpfen, Bewegung, frische Luft, Wasseranwendungen, Tee und gesunde Kost an (Naturheilkunde). In mehreren Broschüren publizierte die «Pagliano-Wunderdoktorin» ihre Rezepte, belegt durch Zeugnisse von Kundinnen und Kunden. Dank «sorgfältiger, persönlicher Behandlung» schrieb D'Acierno ihre Erfolgsgeschichte bis ins hohe Alter fort.

Petronella D'Acierno unterstützte eine seit den späten 1930er Jahren in Heiden aktive antifaschistisch eingestellte Gruppe junger Leute, die jüdischen Geflüchteten eine Unterkunft und Verpflegung bot. 1962 starb sie knapp 85-jährig. Ihre zweitälteste Tochter Irma Sonderegger führte zunächst die Praxis und zuletzt den seit den 1930er Jahren betriebenen Versandhandel mit Arzneimitteln weiter, der 1967 über eine Kundenkartei mit rund 100’000 Adressen verfügte, in den 1970er Jahren unter anderem wegen fehlender Beschaffungsmöglichkeiten des Pagliano-Sirups jedoch eingestellt werden musste.

Quellen und Literatur

  • D’Acierno, Petronella: Krankheits-Erscheinungen und wie sie durch Naturmittel geheilt werden können, 1927/1928.
  • D’Acierno, Petronella: Gesundheit ist Macht, eine lehrreiche Broschüre, o.J. (ca. 1936).
  • Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, Herisau.
  • Witschi, Peter: «Geschichte einer Heillandschaft», in: Irniger, Walter (Hg.): Kräuter und Kräfte. Heilen im Appenzellerland, 1995, S. 13-46.
  • Bräuniger, Renate: «Die Fremde, Vielgereiste – Naturärztin Petronella d'Acierno (1877-1962)», in: Bräuniger, Renate (Hg.): FrauenLeben Appenzell. Beiträge zur Geschichte der Frauen im Appenzellerland, 19. und 20. Jahrhundert, 1999, S. 590-596.
  • Blum, Iris: «Naturheilkunde in Appenzell Ausserrhoden», in: Bundesamt für Kultur (Hg.): Die lebendigen Traditionen der Schweiz, 2018.
  • Friedli, Hannes; Fuchs, Thomas et al.: Heiden. Geschichte von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert, 2022.
Weblinks
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Kurzinformationen
Lebensdaten ∗︎ 16.4.1877 ✝︎ 12.4.1962

Zitiervorschlag

Heidi Eisenhut: "D'Acierno, Petronella", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.04.2023. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/060637/2023-04-11/, konsultiert am 24.06.2024.