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Marie vonDeschwanden

27.7.1830 Stans, 18.1.1890 Stans, katholisch, von Kerns. Lehrerin, Wohltäterin, Schulgründerin, Wegbereiterin der Mädchenschulen in Nidwalden.

Porträtfotografie von Marie von Deschwanden. Carte de visite (10 x 6 cm) aus dem Atelier von Louis Zumbühl, Stans und Schwyz, um 1875 (Staatsarchiv Nidwalden, Stans, Akzession 2018/35).
Porträtfotografie von Marie von Deschwanden. Carte de visite (10 x 6 cm) aus dem Atelier von Louis Zumbühl, Stans und Schwyz, um 1875 (Staatsarchiv Nidwalden, Stans, Akzession 2018/35).

Marie von Deschwanden war die älteste Tochter des Melchior von Deschwanden und seiner ersten Frau Katharina geborene Keiser von Zug. Die Familie führte in Stans einen Kolonialwarenhandel und eine Produktionsstätte für Kerzen und Seifen, in denen in jungen Jahren auch Marie und ihre Geschwister mitarbeiteten. Verschiedene wirtschafts- und bildungspolitische Initiativen gingen auf die von Deschwanden zurück. Der Vater war ein führender liberaler Politiker. Er gehörte zu den Gründern der Knabensekundarschule in Stans und der Ersparniskasse Nidwalden, der ersten Bank im Kanton.

Marie von Deschwanden besuchte ab 1846 das Mädchenpensionat Villingen im Grossherzogtum Baden und trat anschliessend in die Kongregation der Lehrschwestern vom Heiligen Kreuz in Menzingen ein. Nach Lehrtätigkeiten in den Kantonen Schwyz, St. Gallen und Zug musste sie den Orden aufgrund eines Gemütsleidens verlassen. Von 1859 bis 1863 wirkte sie als Lehrerin in der Anstalt für arme Mädchen in Wolfenschiessen, die ihre Tanten Louise und Josefa von Deschwanden in eigener Initiative aufgebaut hatten. Marie von Deschwanden, die ledig blieb und keine Kinder hatte, lehrte ausserdem unentgeltlich an der Mädchenarbeitsschule derselben Gemeinde. Nachdem die Mädchenanstalt 1863 nach Kerns umgezogen war, arbeitete sie dort als Lehrerin, musste diese Tätigkeit aber 1868 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Zurück im Elternhaus, unterrichtete sie zunächst Privatschülerinnen, bis sie 1871 zusammen mit ihrem Vater die erste Mädchensekundarschule in Stans gründete und leitete. Bis dahin hatten die Nidwaldner Mädchen nach der Primarschule einzig die Möglichkeit, sogenannte Arbeitsschulen zu besuchen, wo sie Handarbeiten und Haushaltsführung erlernten (Mädchenerziehung). Bis zu ihrem Rücktritt 1885 bildete von Deschwanden 170 Schülerinnen aus fast allen Gemeinden des Kantons aus.

Zwischen 1871 und 1877 veröffentlichte sie einige Gedichte religiösen Inhalts in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften. Nach ihrem Rücktritt spendete sie ihr gesamtes Lehrerinnenhonorar der vergangenen 14 Jahre dem Schulfonds der Stanser Mädchensekundarschule, was deren Weiterbestand sicherte. In den letzten fünf Lebensjahren pflegte sie Angehörige und verfertigte in kunstvoller Handarbeit Paramente für Kirchen und Kapellen.

Ledige Frauen hatten im katholisch-konservativen Milieu des 19. Jahrhunderts nur wenige Möglichkeiten, einer ausserhäuslichen Beschäftigung nachzugehen. Sich wohltätig zu engagieren, war hingegen gesellschaftlich anerkannt – so konnte Marie von Deschwanden in den von ihrer Familie gegründeten und mitfinanzierten karitativen Einrichtungen als Lehrerin ihrer Berufung folgen. Hilfreich dabei war, dass Marie und ihre Familie zwar eine liberal geprägte Bildungs- und Wirtschaftsfreundlichkeit pflegten, dass sie aber gleichzeitig fromme Katholiken waren. Letzteres war die Bedingung dafür, dass die mehrheitlich konservative Gesellschaft und die Kirche ihr Engagement akzeptierten und teilweise auch förderten. Im kirchlich-religiösen Kontext hatte sie zudem die Möglichkeit, ihre künstlerischen Talente in Dichtung und Kunsthandwerk auszuleben.

Quellen und Literatur

  • Deschwanden-Chronik, Bd. 2, ca. 1900, S. 190-204 (Staatsarchiv Nidwalden, Stans, Familienarchiv Deschwanden).
  • Nidwaldner Volksblatt, 25.1.1890 (Nachruf).
  • Bericht über die Sekundarschulen von Stans, 1859-1909. Anlässlich des 50jährigen Bestandes der Knaben-Sekundarschule, 1909.
  • Vokinger, Constantin: «Wie einer Gemeinde und ihren Armen durch vier D geholfen wurde», in: Nidwaldner Kalender, 70, 1929, S. 51-56.
Weblinks
Kurzinformationen
Familiäre Zugehörigkeit
Lebensdaten ∗︎ 27.7.1830 ✝︎ 18.1.1890

Zitiervorschlag

Karin Schleifer: "Deschwanden, Marie von", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.12.2022. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/061113/2022-12-20/, konsultiert am 12.04.2024.