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ElisabethEidenbenz

12.6.1913 Wila, 23.5.2011 Zürich, reformiert, von Zürich. Lehrerin und Flüchtlingshelferin im Spanischen Bürgerkrieg sowie im und nach dem Zweiten Weltkrieg, Gründerin der Maternité Suisse d'Elne.

Elisabeth Eidenbenz in der Maternité Suisse d'Elne, Januar 1942. Aufnahmen aus Paul Senns Fotoreportage in der Schweizer Illustrierten Zeitung vom 25. Februar 1942 (Bernische Stiftung für Fotografie, Film und Video, Bern) © Gottfried Keller-Stiftung.
Elisabeth Eidenbenz in der Maternité Suisse d'Elne, Januar 1942. Aufnahmen aus Paul Senns Fotoreportage in der Schweizer Illustrierten Zeitung vom 25. Februar 1942 (Bernische Stiftung für Fotografie, Film und Video, Bern) © Gottfried Keller-Stiftung.

Elisabeth Eidenbenz (genannt Bethli) war das dritte von sechs Kindern des Pfarrers Johann Albrecht Eidenbenz und der Marie geborene Hess. Auf männlicher Seite hatte die Familie Eidenbenz seit dem 19. Jahrhundert Theologen, Lehrer, Kaufleute und Künstler hervorgebracht; die Frauen betätigten sich herkömmlicherweise als Hebammen, Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen und Krankenschwestern. Auch Elisabeth Eidenbenz, die unverheiratet und ohne Nachkommen blieb, liess sich zur Lehrerin ausbilden. Sie besuchte 1929-1933 die Töchterschule in Zürich und 1934 die Haushaltungsschule in Neukirch an der Thur. Anschliessend übernahm sie verschiedene Stellvertretungen als Grundschullehrerin in den Arbeitervierteln von Winterthur und Zürich, um sich 1937-1938 eine Weiterbildung an der Volkshochschule Danebod in Fünenshaff auf der dänischen Insel Alsen zu finanzieren.

Über ihre älteste Schwester Johanna Eidenbenz-Frick stand Eidenbenz in Kontakt mit dem Service civil international (SCI), der sie Anfang 1938 für einen Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg anwarb (Humanitäre Hilfe). Zunächst betreute sie Mitarbeiter der als Ayuda Suiza bekannten Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Spanienkinder (SAS) im valencianischen Burjassot, später leitete sie eine Kantine für Mütter und Kinder in Valencia, bevor sie Ende 1938 nach Zürich zurückkehrte. Nach der Eroberung Kataloniens durch die Franquisten wurde Eidenbenz im Januar 1939 nach Südfrankreich gerufen, um in Brouilla nahe der spanischen Grenze ein Geburtshaus und Erholungsheim für Flüchtlingsfrauen und deren Kinder (Flüchtlinge) aufzubauen. Als dieses Ende September 1939 geräumt werden musste, fand Eidenbenz eine baufällige Landvilla im benachbarten Elne, die von der SAS gekauft wurde und nach kurzer Renovationszeit als Maternité Suisse wieder Schwangere sowie erholungsbedürftige Frauen und Kinder aus den umliegenden Internierungslagern aufnahm. Ab Sommer 1940 verzeichnete die Maternité eine steigende Zahl jüdischer Flüchtlinge, die Eidenbenz besonders zu schützen versuchte und von denen sie mehrere vor der Deportation bewahrte (Zweiter Weltkrieg). 1941 richtete sie ein Kleinkinderheim in der grenznahen Küstenstadt Banyuls-sur-Mer ein und veranlasste 1942 den Umbau zweier Baracken im Internierungslager Argelès-sur-Mer unweit von Elne zur Verpflegung und Unterbringung von Müttern und Kindern.

Im Januar 1942 übernahm das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) die Kinderhilfe von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder (SAK), die als Nachfolgeorganisation der SAS seit 1940 Trägerin der Maternité war, und verbot vor dem Hintergrund einer «strikten Neutralität» den Schweizer Helfenden die Unterstützung jüdischer Flüchtlinge (Antisemitismus). Die Beschlagnahmung der Liegenschaft in Elne durch die deutsche Wehrmacht zwang die Maternité im April 1944 zum Umzug nach Montagnac bei Montpellier; nach der Befreiung des Orts kehrte Eidenbenz im Herbst nach Zürich zurück. 1946 reiste sie als Helferin der Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten nach Wien, wo sie Flüchtlingskinder betreute. Binnen weniger Monate richtete sie mit der Österreicherin Henriette Hierhammer im Wiener Vorort Hadersdorf das vom Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz (HEKS) getragene Kinderheim «Schweizer Haus» ein, das sie bis zu ihrer Pensionierung 1975 leitete. Danach lebten die beiden Freundinnen gemeinsam in Rekawinkel im Wienerwald. 2008 zog Eidenbenz wieder nach Zürich, wo sie 2011 starb.

Elisabeth Eidenbenz wurde 2001-2009 neun Mal geehrt, unter anderem als Gerechte unter den Völkern durch Yad Vashem in Jerusalem und als Ritterin der Ehrenlegion. 2007 erschien der Roman Les enfants d'Elisabeth von Hélène Legrais und 2017 der Spielfilm La lumière de l'espoir von Silvia Quer. Im Gebäude der ehemaligen Maternité Suisse in Elne wurde 2013 ein Museum eröffnet, das an die rund 600 im Mütterheim geborenen Kinder und an Eidenbenz' Engagement zu deren Rettung erinnert.

Quellen und Literatur

  • Schmidlin, Antonia: Eine andere Schweiz. Helferinnen, Kriegskinder und humanitäre Politik 1933-1942, 1999.
  • Kanyar Becker, Helena (Hg.): Die Humanitäre Schweiz 1933-1945. Kinder auf der Flucht, 2004 (Ausstellungskatalog).
  • Oliva Berenguer, Remedios: Éxodo. Del campo del Argelès a la maternidad de Elna, 2006.
  • Legrais, Hélène: Les enfants d'Elisabeth. Roman, 2007.
  • Castanier i Palau, Tristan: Femmes en exil, mères des camps. Elisabeth Eidenbenz et la Maternité Suisse d’Elne (1939-1944), 2008.
  • Kanyar Becker, Helena (Hg.): Vergessene Frauen. Humanitäre Kinderhilfe und offizielle Flüchtlingspolitik 1917-1948, 2010.
  • Quer, Silvia: La lumière de l'espoir, 2010 (Film).
  • Centre d’études et de recherches sur les migrations ibériques (Hg.): Autour de la Maternité d’Elne. L’action humanitaire de la guerre d’Espagne à nos jours, 2015 (Exils et migrations ibériques au XXe siècle, 7).
Weblinks
Normdateien
GND
VIAF

Zitiervorschlag

Helena Kanyar Becker: "Eidenbenz, Elisabeth", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15.08.2023. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/061512/2023-08-15/, konsultiert am 25.07.2024.