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Paläopathologie

Die Paläopathologie, eine junge Wissenschaft an der Schnittstelle von biologischer Anthropologie, Archäologie und Medizin, befasst sich mit Krankheiten von Menschen und Tieren vergangener Epochen, auch in ihrer wechselseitigen Beeinflussung (One-Health-Ansatz). Sie erforscht deren Entstehung, Ausbreitung und Verschwinden in grösseren Zeiträumen (Krankheitsevolution) und bewahrt Kenntnisse über rückläufige oder aussterbende Krankheiten, indem sie pathologische Veränderungen an archäologischen Skeletten oder an anderen Überresten wie Mumien oder Moorleichen morphologisch untersucht. In den folgenden Ausführungen stehen menschliche Erkrankungen im Vordergrund. Krankhafte Knochenveränderungen lassen beispielsweise auf Verletzungen (Traumata), Infektionskrankheiten, Tumore, angeborene Fehlbildungen, Mangel- und Abnutzungserscheinungen, Stoffwechselerkrankungen, sowie Zahn- und Kiefererkrankungen schliessen. Die Zusammenführung mit anthropologischen und archäologischen Daten wie Sterbealter, Geschlecht, Datierung, Ort der Bestattung oder Beigaben ermöglicht Einblicke nicht nur in individuelle Krankengeschichten, sondern auch in die Lebensumstände einer Bevölkerungsgruppe oder in epidemiologische Geschehnisse.

Gerade epidemiologische Untersuchungen setzen systematisch und konsistent erhobene paläopathologische Daten voraus, die in der Schweiz bislang in beschränktem Umfang vorliegen. Paläopathologisch wichtige Knochensammlungen bestehen etwa am Naturhistorischen Museum Basel mit der Galler'schen Pathologiesammlung von Erwin Uehlinger oder den Skeletten des ehemaligen Spitalfriedhofs St. Johann. Für die Unterscheidung der Krankheitsbilder (Differenzialdiagnose) kommen sowohl nichtinvasive als auch invasive Methoden zum Einsatz, etwa Beschau der Überreste, bildgebende Verfahren (Röntgen, Computertomografie), Mikroskopie organischer Gewebsschnitte (Histologie) sowie molekularbiologische Untersuchungen (insbesondere ancient DNA).

Den wohl frühesten paläopathologischen Fallbericht der Schweiz verfasste der Basler Stadtarzt Felix Platter über ein aussergewöhnlich grosses Skelett. Eigentliche paläopathologische Forschung wird seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betrieben, als bei archäologischen Ausgrabungen alter Bestattungsplätze zunehmend auch menschliche Überreste geborgen und anthropologisch untersucht wurden. Die Paläopathologie ist in der Schweiz kein eigenständiges universitäres Fach; einen festgelegten Ausbildungsgang gibt es nicht. Neben der Notwendigkeit, sich nach einem Studium der Anthropologie oder Medizin selbstständig weiterzubilden, ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit kennzeichnend: Das breite Spektrum medizinisch-naturwissenschaftlicher sowie historischer Untersuchungsmethoden kann in seiner Gesamtheit nicht mehr von einzelnen Forschenden beherrscht werden.

Traumata

Die Untersuchung von Verletzungen gibt Auskunft über Unfallgefahren im Alltag und bei der Arbeit sowie über interpersonelle Gewalt. Die Frakturmuster von Langknochen beider Geschlechter unterscheiden sich in der Regel über die Epochen hinweg in charakteristischer Weise: Bei Frauen sind hauptsächlich das Schlüsselbein, die Speiche und der Oberschenkelhals betroffen, bei Männern zusätzlich die Elle und die Unterschenkelknochen. Gründe dafür liegen in einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Vor allem ältere Frauen waren auch von speziellen Traumarisiken aufgrund von Osteoporose betroffen. Für das Frühmittelalter weisen durchschnittlich etwa 1% aller untersuchten Langknochen verheilte Frakturen auf. Ihr Anteil verringert sich allgemein bis in die Neuzeit, doch akzentuieren sich Differenzen zwischen verschiedenen Bestattungskollektiven bzw. sozialen Gruppen: Die Knochen von Angehörigen der Unterschicht sind deutlich öfter gebrochen, vermutlich als Folge ihres risikoreicheren Arbeitsalltags, wie Ausgrabungen des ehemaligen Friedhofs für Hintersassen in Bern bzw. diejenigen der Arbeitsanstalt Realta zeigen. Deren Insassinnen und Insassen weisen zudem Spuren interpersoneller Gewalt auf, die aufgrund des Stadiums der Frakturheilung auf die Zeit des Anstaltsaufenthalts eingegrenzt werden können (Arbeitsanstalten).

Interpersonelle Gewalt ist schon für das Neolithikum belegt. Ein Mann aus Seeberg (Burgäschisee) verstarb zu Beginn des 4. Jahrtausends v.Chr. durch mindestens eine stumpfe Verletzung am Schädel. Aus der jüngeren Eisenzeit sind Schädeltraumata an mehreren Individuen bei regulären Bestattungen nachgewiesen. Zahlreiche traumatische Schädigungen (Läsionen) an menschlichen Überresten fanden sich zudem in Zusammenhängen, die als keltische Heiligtümer, Siegesdenkmäler oder Ähnliches interpretiert werden (Le Mormont, La Tène). Ob diese den Menschen nach dem Tod im Rahmen mehrstufiger Bestattungsrituale zugefügt wurden, oder ob die Betroffenen Kriegstrophäen oder Menschenopfer waren, ist umstritten.

Exhumierung der sterblichen Überreste von Jörg Jenatsch 2012 in der Churer Kathedrale (Archäologischer Dienst Graubünden, Chur).
Exhumierung der sterblichen Überreste von Jörg Jenatsch 2012 in der Churer Kathedrale (Archäologischer Dienst Graubünden, Chur). […]

Für das Frühmittelalter sind Traumata, meist verheilte Schwerthiebverletzungen, regelhaft an 5 bis 10% der männlichen Schädel aus den untersuchten Gräberfeldern (Nekropolen) nachgewiesen. Das deutet darauf hin, dass die interpersonelle Gewalt zwischen Männern verbreitet, aber selten tödlich war und wahrscheinlich bei Streitigkeiten oder im Rahmen von Fehden ausgeübt wurde. Menschliche Überreste, die mit spätmittelalterlichen und neuzeitlichen Kriegszügen und Schlachten in Verbindung gebracht werden, zeigen demgegenüber andere Verletzungsmuster (Kriegführung). So weisen die Schädel der in der Schlacht von Dornach 1499 Gefallenen meist mehrere schwere Hiebverletzungen durch Schwerter und Hellebarden (Waffen) auf. In geringerem Mass sind auch stumpfe Einwirkungen sowie solche durch Spitzen (z.B. Pfeile oder Lanzen) nachgewiesen. Gefallene der Napoleonischen Kriege (z.B. Schlachten bei Zürich und Schaffhausen, 1799 und 1800) dagegen weisen zahlreiche Stichverletzungen durch Bajonette und  Schussverletzungen auf. Mitunter können Traumata mit historisch überlieferten Ereignissen abgeglichen werden. Die Verletzungen am Schädel von Jörg Jenatsch, dessen Skelett in der Churer Kathedrale exhumiert und identifiziert wurde, bestätigen die schriftlichen Quellen, wonach ihn sein Mörder 1639 mit einer Axt von hinten erschlagen hatte. Bei Ausgrabungen ehemaliger Richtstätten (Emmenbrücke, Lenzburg, Feldbrunnen, Bern) belegen todbringende Verletzungen an menschlichen Überresten schliesslich die mittelalterliche und neuzeitliche Strafjustiz (Todesstrafe, Folter), wie die bei Enthaupteten charakteristischen Schwerthiebtraumata im Bereich der Halswirbelsäule (Lenzburg, Feldbrunnen).

Infektionskrankheiten

Infektionskrankheiten wie Knochenentzündung (Osteomyelitis), Tuberkulose, Syphilis oder Lepra können Veränderungen am Skelett hinterlassen, die makroskopisch erkennbar sind und eine Differenzialdiagnose erlauben. Auch Erreger in menschlichen Überresten können heute paläogenetisch nachgewiesen werden. So ist die Osteomyelitis in der Schweiz vereinzelt, aber regelmässig über den gesamten Zeitraum vom Neolithikum bis zur Neuzeit zu beobachten. Beim Erreger handelt es sich meist um Staphylococcus aureus, der bereits im neolithischen Dolmen von Oberbipp (um 3000 v.Chr.) an einem Oberschenkelknochen nachgewiesen werden konnte. Mehrere Fälle sind auch aus mittelalterlichen und neuzeitlichen Friedhöfen dokumentiert.

Pathologische Befunde bei Knochenfunden aus dem Gräberfeld A der latènezeitlichen Siedlung Basel - Gasfabrik, 2.-1. Jahrhundert v.Chr.  (Universität Basel, Integrative prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie Ipna; Fotografien Michael Wenk, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt, 2012).
Pathologische Befunde bei Knochenfunden aus dem Gräberfeld A der latènezeitlichen Siedlung Basel - Gasfabrik, 2.-1. Jahrhundert v.Chr.  (Universität Basel, Integrative prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie Ipna; Fotografien Michael Wenk, Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt, 2012). […]

Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die Tuberkulose in der Ur- und Frühgeschichte zwar vereinzelt vorkam, aber erst seit ca. 2000 Jahren verbreitet ist. Die ältesten auch molekularbiologisch bestätigten Fälle aus der Schweiz sind für das 7. Jahrhundert in Courroux belegt. Weitere früh- bis hochmittelalterliche Funde stammen zum Beispiel aus Oberwil bei Büren, Walkringen und Leontica. Obwohl es sich bei der Tuberkulose in erster Linie um eine Lungenkrankheit handelt, greift die Krankheit in 1 bis 5% der Fälle auf das Skelett über und schädigt meist die Wirbelsäule oder die grossen Gelenke. Auch Läsionen an Rippen und an der Schädelinnenseite können eine Tuberkulose anzeigen, doch ist eine Diagnose aufgrund der teilweise unspezifischen Veränderungen nicht immer möglich. In der Neuzeit nahm die Krankheit epidemische Ausmasse (Epidemien) an und grassierte vor allem unter den armen Bevölkerungsschichten (Armut). Entsprechend zahlreich sind anthropologische Nachweise aus neuzeitlichen Begräbnisstätten (Worb, Bern) oder aus den Anstaltsfriedhöfen Realta und Riggisberg.

Der Ursprung der Syphilis und deren Verbreitung in Europa ist umstritten. Die Geschlechtskrankheit, die sich im tertiären Stadium (und mitunter erst Jahre nach der Infektion) am Skelett manifestiert, verbreitete sich in Europa ab dem späten 15. Jahrhundert epidemieartig. Zwei mutmasslich Erkrankte unter den Gefallenen der Schlacht bei Dornach deuten darauf hin, dass mobile Söldnerheere an der Verbreitung Anteil hatten. Weitere Fälle sind aus Burgdorf, Bleienbach und Poschiavo (tertiäre Syphilis) bzw. aus Zweisimmen und Realta (kongenitale, von einer erkrankten Mutter auf das Kind übertragene Syphilis) bekannt.

Nach der verheerenden Epidemie im 14. Jahrhundert wurde die Pest in Europa endemisch und brach in den folgenden Jahrhunderten an verschiedenen Orten immer wieder aus. Obwohl die Krankheit keine sichtbaren Spuren an Knochen verursacht, lässt sich der Pesterreger in menschlichen Überresten molekularbiologisch nachweisen. Massengräber oder gleichzeitig erfolgte Mehrfachbestattungen beispielsweise in Zweisimmen, Bern, Schwyz, Stans und Ems weisen auf ein epidemisches Geschehen hin; bei Untersuchungen in Stans und Ems gelang der paläogenetische Nachweis von neuzeitlichen Erregern. Diese Pestgenome sind phylogenetisch anderen Nachweisen aus der Zeit des Dreissigjährigen Kriegs ähnlich.

Auch bakterielle und virale Krankheitserreger kann die Paläogenetik heute in archäologischen menschlichen Überresten analysieren und nachweisen. Forscherinnen und Forscher isolierten etwa jungsteinzeitliche Salmonellen-Genome im neolithischen Dolmen von Oberbipp, die sich um das humanspezifische C-Bakterium Salmonella enterica Paratyphi gruppieren, dem heutigen Erreger von Para- oder Bauchtyphus (Typhus). Demgegenüber steht die Detektion von Viren in archäologischen Skeletten noch am Anfang, da deren DNA in der Regel kürzer und instabiler ist. Dennoch konnte in Knochen aus der mittelalterlichen Mehrfachbestattung in Zweisimmen ein Hepatitis-B-Virusstamm nachgewiesen werden.

Mangelerkrankungen und Entwicklungsstörungen

In Gebieten wie dem Alpenraum, in denen natürliches Jod in geringer Konzentration vorkommt, leidet die Bevölkerung ohne Substitution an einem Spektrum von Jodmangelstörungen. Deshalb wird in der Schweiz das Speisesalz seit den 1920er Jahren mit Jod angereichert; seither sind Mangelerscheinungen weitgehend verschwunden (Salz). Kinder von Müttern mit schwerem Jodmangel, die in der ersten Schwangerschaftshälfte zu wenig Schilddrüsenhormone erhalten, können von Kretinismus betroffen sein. Die am Skelett erkennbare Form (myxodematöser Kretinismus) äussert sich in geistiger Beeinträchtigung, verzögerter Skelettentwicklung und Minderwuchs. Betroffene Individuen sind bei archäologischen Ausgrabungen erst selten gefunden worden. Nebst einem frühmittelalterlichen Fall aus Steffisburg werden weit verbreitete Jodmangelstörungen auch für die spätmittelalterliche Bevölkerung von Tomils postuliert. Die meisten bekannten Fälle stammen aber aus neuzeitlichen Anstaltsfriedhöfen wie Riggisberg und Realta, weil kretinische Menschen häufig in Anstalten eingewiesen wurden (Behinderte).

Auch Skorbut (Vitamin-C-Mangel) ist, wenigstens bei Erwachsenen, im archäologischen Skelettmaterial ein seltener Befund. Das gehäufte Vorkommen bei den Anstaltsinsassinnen und Anstaltsinsassen von Realta wirft ein Licht auf die Lebensumstände und die Ernährungssituation dieser marginalisierten Gruppe (Randgruppen). Bei Kindern lässt sich Skorbut als Moeller-Barlow-Syndrom häufiger an den Knochen feststellen, da sich die Krankheit schon nach kurzer Zeit ohne ausreichende Zufuhr von Vitamin C ausbildet. Betroffene Kleinkinder sind für die römische Kaiserzeit und das Frühmittelalter zum Beispiel in Avenches (Aventicum), Reigoldswil, Courroux, Tramelan und Ems belegt.

Bei Mangel an Vitamin D im Säuglings- und Kindesalter kommt es zu Rachitis, einer unvollständigen Mineralisation des wachsenden Skeletts, wodurch sich die gewichtstragenden Langknochen unter mechanischer Belastung und Muskelspannung dauerhaft verbiegen können. Die wichtigste Ursache für Vitamin-D-Mangel ist eine unzureichende Sonnenexposition, da der Körper das Vitamin bei Einwirkung von ultraviolettem Licht auf die Haut selbst synthetisiert. Entsprechend wurde Rachitis erst im Zuge der Industrialisierung und besonders in den Städten zu einem verbreiteten Problem und ist beispielsweise in Basel - Spitalfriedhof nachgewiesen. Schliesslich ist auch die Gicht in Einzelfällen dokumentiert, die durch eine Kombination aus purinreicher Ernährung (z.B. Alkohol, Fleisch) und genetischer Veranlagung begünstigt wird und zur Ablagerung von Harnsäurekristallen in den Gelenken führt.

Angeborene Knochenfehlbildungen und Entwicklungsstörungen wie Kleinwuchs oder Wirbelsäulenverkrümmungen (Skoliosen), aber auch Krebserkrankungen (z.B. Osteosarkome) sind in der Paläopathologie seltene, doch für alle Epochen belegte Befunde (u.a. Schweizersbild, Sitten, Kallnach, Münsingen - Rain, Windisch, Schaffhausen). Die ungewöhnliche Häufung von schweren Skoliose-Fällen im neuzeitlichen Friedhof Bern - Holzwerkhof gibt Hinweise auf mögliche familiäre Verbindungen der Beigesetzten.

Zahnerkrankungen und Spuren von medizinischen Eingriffen

Bis ins Mittelalter war die Kariesintensität gering, danach stieg sie bis in die Moderne kontinuierlich an. Im gleichen Zeitraum ging der vormals starke Abschliff der Zahnkronen (Abrasion) zurück, denn dank der Einführung von Walzen- anstelle von Steinmühlen im 19. Jahrhundert verringerte sich der Anteil abrasiver Partikel im Mehl (Mühlen). Damit entfiel aber auch eine Art natürliche Zahnreinigung. Im 18. Jahrhundert ergänzten neue kariesfördernde Lebensmittel wie die Kartoffel, Mais und raffinierter Zucker den Speiseplan. Ohne Antibiotika konnte eine massive Karies über eine Blutvergiftung leicht zum Tod führen. Dies widerfuhr wahrscheinlich einem jungen Mann, der im Frühmittelalter in Biel - Mett begraben wurde. Bei ihm hatte sich aufgrund einiger vollständig abgefaulter Zahnkronen eine pflaumengrosse Zyste im Oberkiefer gebildet. Zahnerhaltende Massnahmen wie Metallfüllungen oder Prothesen finden sich erst ab dem 19. Jahrhundert regelmässig, zum Beispiel in Basel - Spitalfriedhof, Bern - Holzwerkhof und Riggisberg (Zahnmedizin).

Nano-Computertomografie eines Zahns aus dem Gräberfeld B der latènezeitlichen Siedlung Basel - Gasfabrik, 2.-1. Jahrhundert v.Chr. (Universität Basel, Integrative prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie Ipna; Aufnahme Georg Schulz, Biomaterials Science Center, Universität Basel, 2014).
Nano-Computertomografie eines Zahns aus dem Gräberfeld B der latènezeitlichen Siedlung Basel - Gasfabrik, 2.-1. Jahrhundert v.Chr. (Universität Basel, Integrative prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie Ipna; Aufnahme Georg Schulz, Biomaterials Science Center, Universität Basel, 2014). […]

Unter Trepanation versteht man die absichtliche Eröffnung des Schädeldachs mit Entfernung eines Schädelstücks zu therapeutischen oder rituellen Zwecken. Ein häufiger Grund für solche Eingriffe waren vermutlich Schädeltraumata. In der Schweiz sind über 30 Trepanationen bekannt, die vom Neolithikum bis ins 19. Jahrhundert datieren und mehrheitlich überlebt wurden. Die meisten Funde stammen aus dem Neolithikum, gefolgt von der jüngeren Eisenzeit. Amputationen von Gliedmassen sind in der Schweiz seit dem Frühmittelalter bekannt und wurden wohl meistens in Folge von Traumata praktiziert (Handwerkschirurgen). Der bislang älteste Nachweis einer überlebten Amputation stammt aus dem frühmittelalterlichen Bonaduz. Dem Mann war der rechte Fuss entfernt worden; ein Teil seiner ehemaligen Prothese wurde ebenfalls im Grab gefunden. Auch zwei Cluniazensermönche von der St. Petersinsel waren fussamputiert (11.-15. Jahrhundert). Als mögliche Ursachen werden Gicht und Diabetes angenommen; beide überlebten den Eingriff. Aus dem 19. Jahrhundert sind zahlreiche Amputationen dokumentiert (Blanche Eglise in La Neuveville, Riggisberg). Überhaupt konnten in vielen neuzeitlichen Friedhöfen (Bern - Holzwerkhof, Bern - Sidlerstrasse, Riggisberg, Basel - Spitalfriedhof) Überreste möglicher Amputate, aber auch Funde wahrscheinlich anatomisch untersuchter Körperteile (z.B. aufgesägte Schädel) nachgewiesen werden.

Quellen und Literatur

Weblinks

Zitiervorschlag

Christine Cooper; Sandra Lösch ; Christine Cooper, Sandra Lösch ; Christine Cooper, Sandra Lösch: "Paläopathologie", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 26.10.2023. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/061526/2023-10-26/, konsultiert am 21.02.2024.