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Die "Digitalisierung" zum Auftakt

19.12.2018
Das HLS wird digital. Was liegt also näher, als den Schritt vom Buch zum reinen Online-Lexikon mit einer Artikelgruppe zur Geschichte der Digitalisierung zu markieren?

Digitalisierung ist das Schlagwort der Stunde: In den Universitäten haben die "Digital Humanities" Einzug gehalten, die Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften veranstaltet zahlreiche Tagungen zum Thema und die "Digital Societies" bilden auch den Schwerpunkt der Fellowperiode 2016-2020 am Collegium Helveticum; dort stehen z.B. die digitale Transformation des Gesundheitswesens, das autonome Fahren oder die algorithmisch gestützte Polizeiarbeit im Zentrum. Und auch die öffentlichen Debatten drehen sich um Themen wie Datenschutz, Überwachung, soziale Medien, Arbeitsplatzverluste durch Robottechnik und künstliche Intelligenz sowie Manipulation von politischen Prozessen.

Das HLS im Sog der Digitalisierung

Aber nicht nur deshalb entschied sich das HLS dafür, eines seiner Pilotprojekte der Geschichte der Digitalisierung zu widmen: Das HLS befindet sich mit der Überführung eines Buchlexikons in ein vernetztes Internetlexikon selbst im Prozess der Digitalisierung – so gesehen dient das Pilotprojekt auch der eigenen historischen Verortung und einer rudimentären theoretischen Selbstreflexion. Das Online-HLS ist eine wissenschaftlich orientierte Plattform: Alle HLS-Artikel sind leicht mit anderen Artikeln zu vernetzen, zu denen sie inhaltliche Parallelitäten aufweisen, die sie ergänzen oder fortsetzen. Links gewährleisten die Verbindung zu zentralen Wissensangeboten im Internet, die mit dem Thema des jeweiligen Artikels zusammenhängen. Die Vielfalt der Lesewege durch das Lexikon schlägt sich aber auch in einer steigenden Datenreflexivität nieder. Dies erfuhren die Redaktorinnen und Redaktoren so direkt wie mühevoll u.a. bei der überaus aufwendigen Vernetzung der einzelnen Artikel anlässlich der thematischen, chronologischen und geografischen Indexierung. Zudem unterlaufen das Vordringen der Digitalisierung in alle Lebensbereiche und die ständige Beschleunigung des digitalen Wandels den Anspruch eines Lexikons, "gesättigtes" Wissen zu vermitteln. Die kontinuierliche Aktualisierung wird deshalb für die Redaktion zu einer Handlungsmaxime und das HLS insgesamt zu einem Werk mit Inhalten unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Die neuen Artikel im Einzelnen

Der Artikel Digitale Gesellschaft (David Gugerli, Daniela Zetti) dient einerseits als Übersichtsartikel der Artikelgruppe und setzt andererseits eine Reihe von bestehenden Artikeln über Gesellschaftsformen wie "Feudalgesellschaft", "Bürgerliche Gesellschaft", "Ständische Gesellschaft", "Klassengesellschaft" und "Industriegesellschaft" fort. Er vermittelt eine ebenso sozial- und kulturhistorisch wie technikgeschichtlich orientierte Darstellung der vielfältigen Transformationsprozesse, die von der industriellen zur digitalen Gesellschaft als dominante gesellschaftliche Selbstbeschreibungsform überleiten.

Zuschauer filmen und fotografieren mit ihren Smartphones den Auftritt der französischen Hip-Hop-Band Suprême NTM am 43. Paléo Festival Nyon. Fotografie vom 21. Juli 2018 (© KEYSTONE / Valentin Flauraud, Bild 349429175). Bild verwendet im Artikel Digitale Gesellschaft.
Zuschauer filmen und fotografieren mit ihren Smartphones den Auftritt der französischen Hip-Hop-Band Suprême NTM am 43. Paléo Festival Nyon. Fotografie vom 21. Juli 2018 (© KEYSTONE / Valentin Flauraud, Bild 349429175). Bild verwendet im Artikel Digitale Gesellschaft.

Gemäss einem Bonmot der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel sind Daten "die Rohstoffe des 21. Jahrhunderts" (2016). Allerdings sammelten Büros, Anstalten und Archive bereits im 19. Jahrhundert systematisch Daten (David Gugerli). Auch die automatisierte Datenverarbeitung setzte bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit der Hollerith-Maschine und den Lochkarten ein und die Leseeinheiten dieser Maschinen wurden in den 1960er Jahren den frühen Computern (Josef Egger) vorgeschaltet. Mit dem Übergang vom Grossrechner, den sich nur Banken, Versicherungen und Verwaltungen leisten konnten, zum Personal Computer explodierten die Stückzahlen. Dabei drang dieser zuerst in den Hobbybereich vor, bevor er ab ca. 1980 die Arbeitswelt eroberte. Wenn Daten die Rohstoffe der digitalen Gesellschaft darstellen, dann ist der Computer ihr Leitprodukt – heute werden so gut wie alle Maschinen durch integrierte Computer gesteuert. Als einziges schweizerisches Unternehmen im Hardwarebereich feiert bislang Logitech (Adrian Knoepfli) weltweite Erfolge.

Die Zeit steht nicht still

Einige Artikel aus dem gedruckten HLS mussten wegen des überaus schnellen und sich immer noch beschleunigenden digitalen Wandels im Rahmen des Pilotprojektes aktualisiert werden: Der Informatik (Carl August Zehnder), die sich auch aus der angewandten Mathematik heraus entwickelt hat, kommt in gewisser Weise die Rolle als Basiswissenschaft der digitalen Gesellschaft zu. Der Begriff Informatisierung (Peter Haber, Jan Hodel) wurde bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zur Beschreibung der Entwicklung von der industriellen zur digitalen Gesellschaft gebraucht und erst dann durch den Begriff "Digitalisierung" abgelöst. Auch das Internet (Peter Haber, Jan Hodel), das als zentrales Infrastrukturelement und Leitmedium der digitalen Gesellschaft nach der Jahrtausendwende stetig an Bedeutung gewann, veränderte sich mit einer grossen Geschwindigkeit: Während Social Media zur Zeit der ersten Version des HLS-Artikels "Internet" (2003) noch keine Rolle spielten und auch nicht in ihm auftauchen, sind sie heute omnipräsent.

Lochkartenlocher des Systems Hollerith von IBM. Fotografie, 1945 (Museum für Kommunikation, Bern, FB 000112). Bild verwendet im Artikel Daten.
Lochkartenlocher des Systems Hollerith von IBM. Fotografie, 1945 (Museum für Kommunikation, Bern, FB 000112). Bild verwendet im Artikel Daten.

Für den Ausbau der Artikelgruppe sind noch weitere Neuaufnahmen und Aktualisierungen von Stichwörtern geplant. Der künftige Artikel "Logistik" wird die Informatisierung der Transportsysteme als zentralen Veränderungsprozess in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beleuchten, in der Personen, Güter und Informationen in einem zuvor nicht gekannten Ausmass bewegt wurden. Die neuen technischen Möglichkeiten veränderten Produktion, Transport und Konsumgewohnheiten grundlegend. Dabei unterwarfen sie auch das Büro als Arbeitsort neuen Formen der Arbeitsorganisation (Homeoffice, papierloses Büro usw.).

Die HLS-Artikel als vernetzte Technikgeschichte

Die Verknüpfungen zwischen den technikgeschichtlichen Artikeln – zu denen auch die oben genannten zählen – sind vielfältig und unterschiedlich strukturiert. Zu den geplanten Artikeln über die theoretischen Grundlagen der Technikgeschichte zählt z.B. ein Artikel über die "Normung". An den Artikel "Logistik" schliessen sich inhaltlich die beiden Stichwörter "Palette" und "Container"; deren Gebrauch setzt ebenso Standardisierungs- und Normierungsprozesse voraus wie schon früher der grenzüberschreitende Eisenbahnverkehr, die Webnutzung mit Internetprotokollen seit 1980 oder die Plug-and-Play-Technologien bei der Computeranwendung. Und das von der PTT 1983 abgebrochene Projekt eines integrierten Fernmeldesystems lässt sich einerseits unter dem Blickwinkel der "Informatisierung" betrachten, stellt aber andererseits auch eine gescheiterte Innovation (Pierre-Yves Donzé) dar. Die PTT kaufte darauf entsprechende Technologien im Ausland ein. Die Bedeutung des importierten Know-hows für das nationale Innovationssystem zeigt wiederum der Artikel Technologie- und Wissenstransfer (Pierre-Yves Donzé) auf.

Technikgeschichtliche Fragestellungen berühren somit immer ein dichtes Geflecht von Artikeln und die Aufnahme eines neuen Stichworts erfordert unter Umständen die Realisierung weiterer neuer Stichwörter sowie die Aktualisierung von mehreren bestehenden Artikeln. Eine zentrale Aufgabe des HLS als vernetztes Internetlexikon ist es deshalb, diese mannigfaltigen Bezüge mittels seines Verweissystems und seiner Erschliessungsinstrumente sichtbar zu machen.

 

Computer im Inneren einer Swissair McDonnell Douglas DC-10. Fotografie von Fernand Rausser, um 1980 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Stiftung Luftbild Schweiz, LBS_SR12-32S38_AL).
Computer im Inneren einer Swissair McDonnell Douglas DC-10. Fotografie von Fernand Rausser, um 1980 (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv, Stiftung Luftbild Schweiz, LBS_SR12-32S38_AL).