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Der Mann hinter Jeremias Gotthelf

08.04.2020
Neue Artikel beleuchten den historischen Kontext eines literarischen Monuments

Beim Stichwort «Gotthelf» denken wir an Uli der Knecht oder Die schwarze Spinne. Der Roman und die Novelle erzählen von einer ländlichen Gesellschaft, in der sich die Figuren in schwierigen Zeiten moralisch verstricken. Es sind wichtige Werke der deutschsprachigen Literatur. Allerdings stieg Gotthelf erst Jahrzehnte nach seinem Tod zum Nationaldichter auf. Doch wer steckt hinter dem literarischen Monument? Zum Vorschein kommt Albert Bitzius (1797-1854), Pfarrer von Lützelflüh. Dass er sich als Schriftsteller im Alter von 40 Jahren nach dem Protagonisten seines ersten Romans Der Bauernspiegel nannte, wissen die wenigsten. Namen von Schulhäusern und Strassen sowie vereinzelte Gedenktafeln erinnern daran, dass sich Bitzius Verdienste um die Volksbildung erwarb. Ohne dass sie es genau wissen, ordnen ihn die meisten als Konservativer ein. Und sonst?

Albert Bitzius als Schriftsteller. Ölgemälde von Johann Friedrich Dietler, 1843/1844 (Burgerbibliothek Bern, Neg. 4247; Fotografie Gerhard Howald). Bild verwendet im Artikel Albert Bitzius.
Albert Bitzius als Schriftsteller. Ölgemälde von Johann Friedrich Dietler, 1843/1844 (Burgerbibliothek Bern, Neg. 4247; Fotografie Gerhard Howald). Bild verwendet im Artikel Albert Bitzius.

Anders als in einem Literaturlexikon steht in der neuen HLS-Biografie zu Albert Bitzius nicht der Erzähler im Zentrum; vielmehr schildert sie die Lebensgeschichte eines streitbaren Pfarrers, Schulpolitikers und Schriftstellers. Der Artikel fokussiert damit auf die historische Person in ihrem Kontext und ist folgerichtig als Albert Bitzius und nicht als Jeremias Gotthelf lemmatisiert. Die vielseitigen Tätigkeiten des Lützelflüher Pfarrers sind mit zahlreichen Aspekten der Schweizer Geschichte der letzten 200 Jahre verknüpft, was ihn schliesslich auch als Ausgangspunkt für ein Projekt in einem historischen Lexikon prädestiniert. Bitzius' Einsatz für Volksbildung und Armenerziehung im Gefolge der liberalen Bewegung setzt einen ersten Akzent. Er fühlte sich einem christlich-paternalistischen Gesellschaftsmodell, aber auch den Ideen von Johann Heinrich Pestalozzi verpflichtet. Ein zweiter Akzent liegt auf dem Journalisten Bitzius, der Mitte der 1840er Jahre mit seiner liberal-konservativen Haltung immer heftiger in Gegensatz zum dominierenden Radikalismus geriet. Nachleben und Forschung bzw. die keineswegs absehbare postume Karriere als Nationaldichter gegen Ende des 19. Jahrhunderts und als fester Bestandteil des nationalen Selbstbilds im 20. Jahrhundert schliessen den Artikel ab.

Die Lebensgeschichte der Ehefrau Henriette Bitzius-Zeender als beispielhafte Biografie einer Pfarrersfrau im 19. Jahrhundert und der Artikel über die Familie Bitzius umreissen das engere Umfeld. Andere Biografien zeigen Beziehungen auf, die Albert Bitzius als Schriftsteller pflegte: Adèle de Pierre und François Naef machten den Berner Pfarrer im französischsprachigen Raum bekannt und in Deutschland verlegte Julius Springer dessen Romane, für die sich auch die deutschen Volksschriftenvereine interessierten. Es treten Weggefährten auf wie Theodor Müller, Lehrer in Hofwil, oder Johannes Stuker, Lehrer in Lützelflüh, aber auch der politische Gegenspieler Christian Wiedmer, der Schlosserpoet, der dank seines Emmentaler Lieds heute ironischerweise zusammen mit dem einstigen Antipoden als Inbegriff des Emmentals gilt. Die Artikel zum Berner Volksfreund und Neuen Berner Kalender widmen sich zwei wichtigen Publikationsorganen seiner Zeit. Sowohl das liberale Parteiblatt als auch den Volkskalender prägte Bitzius mit seinen Leitartikeln und Erzählungen.

Franz Schnyders populäre Gotthelf-Verfilmungen in den 1950er und 1960er Jahren schufen eine Bilderwelt, die nicht nur einem breiten Publikum eine längst verschwundene ländliche Schweiz vorführte, sondern im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung auch von scheinbar zeitlosen, urschweizerischen Werten handelte. Bis weit in die Nachkriegszeit hinein wirkten Gotthelfs Romane und Schnyders Filme nach.

Die neuen Artikel

Die Artikel sind in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf an der Universität Bern entstanden. Idee und Konzept: Ruedi Graf.

Berner Voksfreundvon Norbert D. Wernicke
Neuer Berner Kalendervon Norbert D. Wernicke
  
Familie Bitziusvon Ruedi Graf
Albert Bitzius (1797-1854)von Ruedi Graf
Henriette Bitzius-Zeender (1805-1872)von Marianne Derron
Jrenäus Gersdorf (1809-1860)von Jesko Reiling
Karl Gutknecht (1811-1873)von Jesko Reiling
Edouard Matthey (1833-1886)von Marianne Derron
Jean-Louis Micheli (1812-1875)von Marianne Derron
Theodor Müller (1790-1857)von Michael Ruloff
François Naef (1825-1897)von Marianne Derron
Adèle de Pierre (1800-1890)von Marianne Derron
Franz Schnyder (1910-1993)von Benedikt Eppenberger
Julius Springer (1817-1877)von Jesko Reiling
Gottlieb Friedrich Stähli (1801-1835)von Markus Hofer
Johannes Stuker (1819-1901)von Markus Hofer
Marie Tourte-Cherbuliez (1793-1863)von Marianne Derron
Christian Wiedmer (1808-1857)von Ruedi Graf
Georg Wigand (1808-1856)von Markus Hofer